Darf Unterricht auch Spaß machen?

„Aber dann lernt das Kind doch gar nicht richtig.“

Diesen Gedanken höre ich immer wieder, wenn es um Musikunterricht geht. Als wäre Spaß ein bisschen verdächtig. Als müsste guter Unterricht vor allem anstrengend sein, damit er auch etwas bringt.

Ein Kind soll üben. Es soll sich konzentrieren. Es soll schwierige Stellen wiederholen. Es soll dranbleiben, auch wenn es gerade keine Lust hat.

Ja – natürlich. Aber warum sollte das alles eigentlich keinen Spaß machen dürfen?

Ich glaube, wir haben uns an eine Vorstellung von Lernen gewöhnt, in der Anstrengung und Freude fast als Gegensätze betrachtet werden. Dabei können beide wunderbar zusammengehören.

Lernen darf sich gut anfühlen

Wenn ein Kind im Klavierunterricht plötzlich strahlt, weil es ein Lied spielen darf, das es selbst ausgesucht hat, ist das für mich kein Zeichen dafür, dass wir gerade vom „eigentlichen Unterricht“ abweichen.

Im Gegenteil. Da passiert gerade etwas Wichtiges.

Das Kind möchte etwas können. Es hat ein persönliches Ziel. Und genau diese Verbindung zwischen dem, was ein Kind lernen soll, und dem, was es selbst interessiert, kann unglaublich motivierend sein. Vielleicht ist es ein aktueller Popsong. Vielleicht ein Stück aus einem Film. Vielleicht ein Lied, das das Kind gerade ständig hört. Vielleicht möchte es einfach ausprobieren, was passiert, wenn man zwei Akkorde miteinander verbindet. Nicht alles davon steht im Lehrbuch. Aber Musik findet nun einmal auch außerhalb von Lehrbüchern statt.

Spaß bedeutet nicht: „Wir machen heute nichts“

Manchmal wird Spaß im Unterricht mit Beliebigkeit verwechselt. Nach dem Motto: Wenn das Kind selbst entscheiden darf, was es spielt, dann wird es sich natürlich immer für das Einfachste entscheiden. Wenn wir Spiele machen, wird nicht richtig gelernt. Wenn wir lachen, fehlt die Konzentration. Das kann so sein – muss es aber überhaupt nicht. Ein guter Unterricht darf leicht und spielerisch beginnen und trotzdem anspruchsvoll sein. Wir können gemeinsam lachen und anschließend eine schwierige Passage zehnmal hintereinander ausprobieren. Wir können ein Lieblingslied spielen und dabei Rhythmus, Akkorde, Gehörbildung oder Koordination trainieren. Wir können improvisieren und dabei lernen zuzuhören. Wir können mit einer App oder einem Playback arbeiten und dabei ganz nebenbei Timing und musikalische Sicherheit entwickeln.

Spaß nimmt dem Lernen nicht automatisch die Ernsthaftigkeit. Manchmal macht er Lernen überhaupt erst möglich.

Warum wollen wir eigentlich, dass Kinder gerne kommen?

Für mich ist das eine der wichtigsten Fragen im Musikunterricht.

Natürlich möchte ich, dass meine Schülerinnen und Schüler Fortschritte machen. Ich möchte, dass sie Noten lesen lernen, Rhythmen verstehen, ihre Technik entwickeln und irgendwann Stücke spielen können, die am Anfang noch unmöglich erschienen. Aber ich möchte auch, dass sie gerne wiederkommen. Denn ein Instrument lernt man nicht in ein paar Wochen. Es braucht Zeit. Es gibt Phasen, in denen etwas wunderbar funktioniert. Und es gibt Phasen, in denen plötzlich gar nichts mehr klappt. Es gibt Stücke, die Spaß machen. Und es gibt Stücke, bei denen man sich fragt, warum man sich das eigentlich ausgesucht hat. Wenn ein Kind aber grundsätzlich mit dem Gefühl verbindet: „Musik macht mir Freude. Ich möchte weitermachen.“ dann hat es etwas sehr Wertvolles gelernt.

Motivation ist kein Luxus

Gerade beim Instrumentalunterricht wird Motivation manchmal unterschätzt. Dabei ist sie der Motor, der uns immer wieder zum Instrument bringt. Natürlich kann man ein Kind auch zum Üben bringen. Man kann Regeln aufstellen, Zeiten festlegen und Druck machen. Kurzfristig funktioniert das manchmal sogar ziemlich gut. Aber was passiert langfristig? Ich möchte nicht, dass ein Kind Klavier spielt, weil es Angst vor Ärger hat. Ich möchte, dass es irgendwann selbst sagt:

„Ich möchte dieses Lied können.“

Das ist ein ganz anderer Antrieb. Und natürlich bedeutet selbstbestimmte Motivation nicht, dass Kinder immer nur das tun müssen, worauf sie gerade Lust haben. Auch ein guter Unterricht darf Herausforderungen setzen. Die Kunst besteht für mich darin, Anforderung und Freude miteinander zu verbinden.

Es darf auch mal schwierig sein

Spaß bedeutet übrigens nicht, dass Unterricht immer leicht sein muss. Ganz im Gegenteil. Manchmal macht gerade eine Herausforderung Spaß. Wenn ein Kind wochenlang an einer Stelle arbeitet und sie plötzlich klappt, entsteht ein ganz besonderes Gefühl: Ich habe das geschafft. Das ist nicht der Spaß, den man mit einem Spiel oder einem lustigen Moment verbindet. Es ist die Freude über die eigene Entwicklung. Und genau diese Erfahrung finde ich so wertvoll: „Ich konnte es noch nicht. Jetzt kann ich es.“

Das ist Motivation von innen heraus. Deshalb möchte ich Kindern auch nicht jede Schwierigkeit abnehmen. Ich möchte sie begleiten, wenn etwas schwierig ist. Gemeinsam nach Lösungen suchen. Einen anderen Weg ausprobieren. Die Aufgabe kleiner machen. Und manchmal einfach sagen: „Ja. Das ist gerade schwierig. Wir machen das zusammen.“

Lieblingslieder sind kein „Unterrichtsausfall“

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ein Lieblingslied im Unterricht erst dann als „richtiger Unterricht“ gilt, wenn wir daraus ein Arbeitsblatt gemacht haben. Aber warum eigentlich? Wenn ein Kind unbedingt ein bestimmtes Lied spielen möchte, steckt darin bereits ganz viel Motivation. Es hört genauer hin. Es merkt sich Melodien. Es beschäftigt sich mit dem Rhythmus. Es möchte verstehen, welche Akkorde dahinterstecken. Es übt freiwillig, weil es ein konkretes Ziel vor Augen hat. Und manchmal ist genau das der Moment, in dem plötzlich viel mehr gelernt wird, als man vorher geplant hatte.

Musik muss nicht immer nach Unterricht aussehen, um Unterricht zu sein.

Was bleibt, wenn der Unterricht vorbei ist?

Das ist für mich eine der spannendsten Fragen überhaupt. Was bleibt einem Kind nach fünf, zehn oder vielleicht fünfzehn Jahren Musikunterricht? Natürlich hoffentlich eine gewisse musikalische Fähigkeit. Aber vielleicht noch viel mehr. Vielleicht die Erinnerung daran, dass jemand an es geglaubt hat.Dass es etwas ausprobieren durfte. Dass ein Fehler nicht schlimm war. Dass es nicht sofort perfekt sein musste. Dass es ein eigenes Lied aussuchen durfte. Dass es manchmal richtig hart gearbeitet hat – und anschließend unglaublich stolz war. Und vielleicht vor allem: Dass Musik etwas Schönes sein kann. Nicht nur eine weitere Leistung, die erbracht werden muss.

Unterricht darf beides sein

Ich glaube deshalb nicht, dass wir uns zwischen Spaß und Anspruch entscheiden müssen. Ein guter Musikunterricht darf fordern. Er darf konzentriert sein. Er darf manchmal anstrengend sein. Er darf Disziplin und Ausdauer vermitteln. Aber er darf genauso gut lustig, kreativ, persönlich und leicht sein. Kinder müssen nicht ständig Spaß haben. Das wäre genauso unrealistisch wie die Erwartung, dass jede Übungsminute Freude macht. Aber sie sollten das Gefühl haben:

Hier darf ich ich selbst sein.
Hier darf ich ausprobieren.
Hier darf ich Fehler machen.
Hier darf ich wachsen.
Und hier darf Musik Spaß machen.

Denn vielleicht ist genau das der Punkt:

Wir müssen Kindern die Freude an der Musik nicht erst beibringen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir sie ihnen nicht wegnehmen.

Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben von Musikunterricht überhaupt.

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Autor: Melanie Westphal

Ich bin Melanie und leite eine Musikschule in Hamburg. Mein Schwerpunkt liegt im Klavierunterricht für AnfängerInnen und ich unterrichte fast ausschließlich Popularmusik.

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