Talent oder Übung? Was braucht man wirklich, um Klavier zu lernen?

„Ich bin leider überhaupt nicht musikalisch.“

Diesen Satz höre ich oft. Von Erwachsenen, die gerne Klavier lernen möchten. Von Eltern, die sich fragen, ob ihr Kind überhaupt musikalisch genug ist. Und manchmal auch von Kindern selbst. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, bei denen vieles scheinbar mühelos gelingt. Sie hören eine Melodie und können sie schnell nachspielen. Sie erfassen Rhythmen intuitiv oder lernen neue Stücke erstaunlich schnell.

Musikalische Begabung gibt es also durchaus.

Aber wie wichtig ist sie wirklich? Und was passiert, wenn wir Talent entweder überschätzen – oder so tun, als würde es überhaupt keine Rolle spielen?

Talent kann ein Vorteil sein

Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Manche haben von Anfang an ein gutes musikalisches Gehör. Andere haben ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl oder können Bewegungsabläufe besonders leicht koordinieren. Wieder andere können sich musikalische Strukturen schnell merken. Solche Unterschiede können das Lernen eines Instruments beeinflussen. Das bedeutet aber nicht, dass ein musikalisch begabtes Kind automatisch ein guter Musiker wird. Und genauso wenig bedeutet ein schwieriger Start, dass jemand nicht musikalisch ist.

Talent kann einen Weg erleichtern. Es ersetzt den Weg aber nicht.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Talent“ sagen?

Das Wort wird im Alltag sehr unterschiedlich verwendet. Manchmal meinen wir damit ein besonders gutes Gehör. Manchmal, dass jemand schnell lernt. Manchmal meinen wir einfach: Das klingt schon richtig schön. Das sind aber nicht unbedingt dieselben Dinge. Musikalische Fähigkeiten bestehen aus vielen verschiedenen Bereichen: Hören, Rhythmus, Koordination, Gedächtnis, musikalisches Verständnis, Ausdruck und vieles mehr. Ein Kind kann beispielsweise ein hervorragendes Gehör haben und gleichzeitig Schwierigkeiten mit der Koordination beider Hände. Ein anderes hat vielleicht zunächst Schwierigkeiten beim Notenlesen, entwickelt aber ein außergewöhnliches Gespür für Rhythmus und Ausdruck. Deshalb bin ich vorsichtig damit, Kinder früh in die Kategorien „talentiert“ und „nicht talentiert“ einzuteilen.

Was die Forschung über Talent sagt

Eine viel diskutierte Arbeit stammt von Michael Howe, Jane Davidson und John Sloboda. Die Autoren haben sich mit der Frage beschäftigt, ob außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten hauptsächlich auf angeborenes Talent zurückzuführen sind. Ihre Schlussfolgerung ist differenziert: Sie betonen die große Bedeutung von frühen Erfahrungen, Möglichkeiten, Interessen, Gewohnheiten, Training und Übung für die Entwicklung außergewöhnlicher Fähigkeiten. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen mit exakt denselben Voraussetzungen starten.

Es bedeutet aber: Was aus vorhandenen Fähigkeiten wird, hängt auch sehr stark davon ab, was danach passiert.

Übung ist wichtig – aber sie erklärt nicht alles

Eine der bekanntesten Forschungsarbeiten zum Thema Übung stammt von K. Anders Ericsson und seinen Kollegen. Ihre Arbeit von 1993 machte das Konzept der deliberate practice, also gezielter und strukturierter Übung, international bekannt. Sie argumentierten, dass langfristige, zielgerichtete Übung eine zentrale Rolle beim Aufbau von Expertise spielt. Das führte später zu einer sehr populären Vorstellung:

Wer nur genug übt, kann alles erreichen.

So einfach ist es allerdings nicht. Eine spätere Replikationsstudie von Brooke Macnamara und Megha Maitra aus dem Jahr 2019 konnte den zentralen Befund der ursprünglichen Studie nicht vollständig reproduzieren. Die Menge der Übung erklärte deutlich weniger Unterschiede in der Leistung als in der ursprünglichen Untersuchung. Das ist für mich eine wichtige Erkenntnis:

Übung ist notwendig und verändert Fähigkeiten. Aber sie ist nicht die einzige Erklärung dafür, warum Menschen unterschiedliche Leistungen entwickeln.

Und genau deshalb müssen wir weder Talent glorifizieren noch Übung zum alleinigen Maßstab machen.

Das Talent muss gefüttert werden

Ich mag dafür ein ganz einfaches Bild: Talent ist wie ein Samen. Damit daraus etwas wächst, braucht es Wasser, Licht und Pflege. Beim Klavierspielen bedeutet das: spielen, zuhören, ausprobieren, wiederholen, üben und immer wieder neue Erfahrungen sammeln.

Ein Kind kann ein außergewöhnlich gutes musikalisches Gehör haben. Wenn es sich aber nie mit Musik beschäftigt, wird daraus nicht automatisch ein sicherer Pianist. Und umgekehrt kann ein Kind, dem manche Dinge zunächst schwerer fallen, durch gute Anleitung, regelmäßiges Spielen und passende Lernstrategien enorme Fortschritte machen.

Üben bedeutet nicht einfach: mehr Minuten

Auch das ist mir wichtig. Üben ist nicht automatisch dann gut, wenn möglichst viel Zeit am Klavier verbracht wurde. Eine Langzeitstudie von Gary McPherson und James Renwick hat das Übeverhalten von sieben Kindern über drei Jahre beobachtet. Dabei zeigten sich deutliche individuelle Unterschiede darin, wie Kinder ihr eigenes Üben steuern, Fehler wahrnehmen und mit Aufgaben umgehen. Das bedeutet: Nicht nur wie lange jemand übt, sondern auch wie jemand übt, spielt eine Rolle.

Ein Kind muss beispielsweise erst lernen, eine schwierige Stelle überhaupt zu erkennen. Dann muss es lernen, sie zu isolieren. Vielleicht langsamer zu spielen. Eine andere Lösung auszuprobieren. Zuzuhören. Zu wiederholen. Und schließlich zu überprüfen, ob es besser funktioniert. Diese Fähigkeiten entwickeln sich ebenfalls erst mit der Zeit.

Die Lernkurve ist keine gerade Linie

Das erleben wahrscheinlich alle Musikerinnen und Musiker irgendwann: Es gibt Phasen, in denen man das Gefühl hat, überhaupt nicht voranzukommen. Man übt. Man wiederholt. Man versucht es noch einmal. Und trotzdem funktioniert eine Stelle einfach nicht. Und dann – plötzlich – geht es. Vielleicht nicht perfekt. Aber ein bisschen leichter. Das kann sich wie ein Sprung anfühlen, obwohl vorher viele kleine Lernschritte stattgefunden haben. Deshalb finde ich es wichtig, Kindern nicht ständig den Eindruck zu vermitteln, sie müssten sich linear verbessern. Lernen geht nicht immer bergauf. Es gibt Fortschritte, Rückschritte, Umwege und manchmal überraschende Sprünge. Das ist normal.

Was passiert mit Kindern, die vermeintlich „kein Talent“ haben?

Hier liegt für mich eine besondere Verantwortung der Lehrkraft. Ich möchte einem Kind nicht nach wenigen Monaten sagen: „Du bist nicht musikalisch.“ Denn ein solcher Satz kann schnell zu einer festen Vorstellung über die eigene Person werden: Ich kann das eben nicht. Viel hilfreicher finde ich: „Das ist gerade noch schwierig für dich.“ Dieses kleine Wort – noch – lässt Entwicklung zu. Es sagt: Heute funktioniert es noch nicht. Aber das bedeutet nicht, dass es niemals funktionieren wird.

Und was ist mit Kindern, denen alles leichtfällt?

Auch hier möchte ich vorsichtig sein. Wenn ein Kind immer wieder hört: „Du bist so talentiert!“ kann daraus ebenfalls eine Erwartung entstehen. Was passiert, wenn irgendwann etwas nicht mehr leichtfällt? Wenn ein Stück plötzlich viele Wiederholungen braucht? Wenn andere Kinder schneller lernen? Dann könnte das Kind denken:

Wenn ich wirklich talentiert bin, müsste mir das doch leichtfallen.

Deshalb finde ich es viel hilfreicher, konkrete Stärken zu benennen und gleichzeitig den Lernprozess sichtbar zu machen. Zum Beispiel: „Du hast ein sehr gutes Gehör.“ Und gleichzeitig: „Jetzt schauen wir, wie du dieses Gehör beim Spielen einsetzen kannst.“ So wird aus einer Fähigkeit kein Etikett, sondern eine Ressource.

Talent und Fleiß sind keine Gegensätze

Manchmal wird so getan, als müssten wir uns entscheiden: Talent oder Übung. Ich glaube, das führt in die falsche Richtung. Ein musikalisch begabtes Kind, das nie übt, wird seine Möglichkeiten wahrscheinlich nicht ausschöpfen. Ein Kind, dem manches schwerer fällt, kann durch gute Lernstrategien und regelmäßige Beschäftigung große Fortschritte machen. Und natürlich können beide Kinder voneinander lernen. Das eine bringt vielleicht bestimmte Fähigkeiten schneller mit. Das andere entwickelt möglicherweise eine besonders gute Ausdauer oder findet kreative Wege, Schwierigkeiten zu lösen. Musikalische Entwicklung ist kein Wettbewerb um das größte Talent.

Was bedeutet das für meinen Unterricht?

Ich möchte meine Schülerinnen und Schüler nicht danach beurteilen, wie schnell sie etwas können. Mich interessiert viel mehr: Was interessiert sie? Was können sie bereits? Wo liegen ihre Stärken? Was fällt ihnen schwer? Welche Musik begeistert sie? Und welche Art zu lernen passt zu ihnen? Denn wenn ein Kind gerne spielt, neugierig bleibt und sich immer wieder mit seinem Instrument beschäftigt, hat es etwas sehr Wertvolles: Es ist im Lernprozess. Und genau dort kann Entwicklung stattfinden.

Und was sage ich Erwachsenen, die glauben, sie hätten kein Talent?

Meistens: Probieren Sie es aus.

Sie müssen kein Konzertpianist werden. Vielleicht möchten Sie Ihre Lieblingslieder spielen. Vielleicht möchten Sie nach einem langen Arbeitstag am Klavier abschalten. Vielleicht möchten Sie einen Kindheitstraum nachholen. Oder einfach herausfinden, was musikalisch in Ihnen steckt. Dafür braucht es kein außergewöhnliches Talent. Es braucht die Bereitschaft, sich auf einen Lernprozess einzulassen.

Am Ende zählt nicht, wie schnell man startet

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Talent kann ein Vorteil sein. Aber es ist nicht das Ziel. Und es ist auch keine Garantie. Entscheidend ist, was wir mit unseren Möglichkeiten machen. Werden sie gefördert? Gibt es Gelegenheit zum Spielen? Gibt es gute Anleitung? Darf man Fehler machen? Darf man sich entwickeln? Bleibt die Freude erhalten? Denn vielleicht ist das Schönste am Klavierspielen gar nicht die Frage:

„Wie talentiert bin ich?“ Sondern: „Was kann ich heute, was ich gestern noch nicht konnte?“

Und wenn wir irgendwann zurückblicken und feststellen:

„Das konnte ich am Anfang noch überhaupt nicht.“

dann ist das ein wunderbarer Beweis dafür, dass Lernen stattgefunden hat.


Mein Fazit

Ja, musikalische Begabung gibt es. Und ja, sie kann das Lernen bestimmter Fähigkeiten erleichtern. Aber Talent allein macht noch keinen Musiker. Genauso wenig entscheidet ein schwieriger Anfang darüber, wie weit jemand kommen kann. Zwischen dem Ausgangspunkt und dem, was am Ende entsteht, liegen unzählige Erfahrungen: Spielen. Zuhören. Üben. Wiederholen. Ausprobieren. Fehler machen. Weitermachen.

Und vielleicht ist genau das die schönste Seite des Klavierlernens: Wir müssen nicht von Anfang an wissen, was wir können.Wir dürfen es herausfinden.

Wissenschaftliche Quellen

  • Howe, M. J. A., Davidson, J. W. & Sloboda, J. A. (1998). Innate talents: Reality or myth? Behavioral and Brain Sciences, 21(3), 399–407. Die Autoren diskutieren die Evidenz für und gegen angeborene Talente und betonen die Bedeutung von Erfahrungen, Möglichkeiten, Training und Übung.
  • Ericsson, K. A., Krampe, R. T. & Tesch-Römer, C. (1993). The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406. Die einflussreiche Arbeit zur Bedeutung gezielter Übung für Expertise.
  • McPherson, G. E. & Renwick, J. M. (2001). A Longitudinal Study of Self-regulation in Children’s Musical Practice. Music Education Research, 3(2), 169–186. Untersuchung des Übeverhaltens und der Selbstregulation von sieben Kindern über drei Jahre.
  • Macnamara, B. N. & Maitra, M. (2019). The Role of Deliberate Practice in Expert Performance: Revisiting Ericsson, Krampe & Tesch-Römer (1993). Royal Society Open Science, 6, 190327. Eine Replikationsstudie, die zeigt, dass Übung zwar wichtig ist, aber individuelle Leistungsunterschiede nicht vollständig erklärt.

Lob – aber bitte richtig!

Warum „Du bist so talentiert!“ nicht immer hilfreich ist

„Du bist so talentiert!“

Eigentlich ist das ein wunderschönes Kompliment. Ein Kind spielt ein Stück besonders schön und wir möchten ihm zeigen, wie stolz wir sind. Also sagen wir:

„Du hast richtig Talent!“

Oder:

„Du bist einfach musikalisch.“

Was könnte daran falsch sein?Eine ganze Menge – zumindest dann, wenn ein Kind diese Aussage mit der Zeit als Erklärung dafür versteht, warum es etwas kann.Denn dann kann aus einem schönen Kompliment ungewollt eine ziemlich große Erwartung werden.

Was passiert, wenn wir Kinder für ihr Talent loben?

Die Psychologin Carol Dweck und ihre Kollegin Claudia Mueller haben sich genau mit dieser Frage beschäftigt.In einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 1998 untersuchten sie, wie sich unterschiedliche Arten von Lob auf Kinder auswirken. Die Kinder wurden entweder für ihre Intelligenz bzw. Fähigkeit oder für ihre Anstrengung gelobt.

Das Ergebnis war bemerkenswert:

Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden, entwickelten nach einem Misserfolg eher ein Denken, bei dem Fähigkeiten als etwas Feststehendes erschienen. Sie zeigten außerdem weniger Ausdauer und Freude an der Aufgabe als Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt worden waren. (PubMed)

Das bedeutet nicht, dass der Satz „Du bist talentiert“ automatisch schädlich ist.

Aber er kann eine Botschaft transportieren: Du kannst das, weil du talentiert bist.

Und irgendwann kann daraus werden: Wenn ich es nicht mehr kann, bin ich vielleicht doch nicht talentiert.

Gerade beim Musizieren kann das problematisch werden.

Was passiert beim ersten schwierigen Stück?

Stell dir ein Kind vor, das bisher immer wieder gehört hat:

„Du bist so talentiert!“

Das Kind spielt zunächst einfache Stücke und kommt damit gut zurecht. Dann kommt ein anspruchsvolleres Stück. Plötzlich klappt eine Stelle nicht. Die linke Hand macht nicht das, was sie soll. Der Rhythmus funktioniert nicht. Die Koordination ist schwierig. Das Kind übt – und es wird trotzdem nicht sofort besser. Was denkt es nun?

Vielleicht: „Das kann ich nicht.“

Oder sogar: „Vielleicht bin ich doch nicht musikalisch.“

Wenn die eigene Fähigkeit zur Erklärung für den bisherigen Erfolg geworden ist, kann ein Misserfolg schnell am eigenen Selbstbild rütteln.

Deshalb ist mir Prozesslob so wichtig

Statt nur das Ergebnis zu loben, können wir den Lernprozess sichtbar machen.

Zum Beispiel:

Nicht:

„Du bist so talentiert.“

Sondern:

„Du hast diese schwierige Stelle richtig konzentriert geübt.“

Nicht:

„Das kannst du einfach toll.“

Sondern:

„Du hast herausgefunden, wie du diesen Rhythmus leichter spielen kannst.“

Nicht:

„Du bist ein Naturtalent.“

Sondern:

„Ich kann hören, dass du an dieser Stelle richtig drangeblieben bist.“

Der Unterschied mag zunächst klein erscheinen. Die Botschaft dahinter ist aber eine andere: Du kannst etwas bewirken. Du kannst lernen. Du kannst Strategien entwickeln.

Lob sollte nicht zur Bewertung werden

Dabei möchte ich eine Sache ausdrücklich betonen: Ich bin nicht gegen Lob.

Im Gegenteil. Kinder brauchen Anerkennung. Und natürlich dürfen wir uns mit ihnen freuen.

„Das war schön!“

„Ich habe gesehen, wie sehr du dich angestrengt hast.“

„Du kannst richtig stolz auf dich sein.“

Das alles darf und soll seinen Platz haben. Die Forschung zeigt insgesamt auch, dass Lob unter bestimmten Bedingungen positiv mit Motivation, Ausdauer und Selbstbewertung zusammenhängt. Entscheidend ist unter anderem, ob Lob Kompetenz vermittelt, Autonomie unterstützt und sich auf kontrollierbare Aspekte bezieht. (PubMed)

Es geht also nicht darum, jedes Kompliment auf die Goldwaage zu legen. Es geht darum, welches Selbstbild wir mit unserem Lob unterstützen.

Und was ist mit „Du hast dich so angestrengt“?

Auch hier lohnt sich ein genauerer Blick. „Du hast dich angestrengt“ kann wunderbar sein. Aber Anstrengung allein ist nicht immer das Entscheidende. Ein Kind kann sich eine Stunde lang mit einer schwierigen Stelle beschäftigen und dabei immer wieder denselben Fehler machen.

Dann wäre vielleicht hilfreicher:

„Du hast gemerkt, dass es so nicht funktioniert. Was könnten wir anders ausprobieren?“

Oder:

„Lass uns schauen, ob wir die Stelle in kleinere Schritte zerlegen können.“

Denn gutes Feedback sagt nicht nur: „Du hast dich angestrengt.“

Es hilft dabei, herauszufinden: „Was hat funktioniert – und was kann ich als Nächstes ausprobieren?“

Was ich meinen Schülerinnen und Schülern vermitteln möchte

Ich möchte nicht, dass ein Kind nach einer gelungenen Unterrichtsstunde denkt: „Ich bin gut, weil ich Talent habe.“

Ich wünsche mir eher: „Ich habe etwas gelernt.“

Und wenn etwas nicht funktioniert: „Noch nicht. Aber ich kann herausfinden, wie es geht.“

Das ist für mich ein großer Unterschied. Denn Klavierspielen besteht aus unglaublich vielen Momenten, in denen etwas zunächst nicht funktioniert. Ein neuer Rhythmus. Eine schwierige Koordination. Ein ungewohnter Fingersatz. Ein schneller Lauf. Eine Stelle, die einfach nicht so klingen möchte, wie man sie im Kopf hört. Wenn wir jedes Mal an unserem Talent zweifeln würden, wäre das ziemlich anstrengend. Wenn wir stattdessen sagen können:

„Okay. Das kann ich noch nicht. Dann finde ich heraus, wie ich es lernen kann.“

wird aus einer Schwierigkeit eine Aufgabe.

Auch Erwachsene brauchen dieses Vertrauen

Und das gilt übrigens nicht nur für Kinder. Erwachsene, die mit dem Klavierspielen beginnen, sagen mir häufig:

„Ich bin überhaupt nicht musikalisch.“

Oder:

„Ich habe wahrscheinlich einfach kein Talent.“

Dabei haben sie oft lediglich noch keine Gelegenheit gehabt, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Klavierspielen ist kein Talenttest. Es ist ein Lernprozess. Und genau deshalb finde ich es so schön, wenn jemand nach einigen Monaten plötzlich feststellt:

„Das hätte ich am Anfang niemals gedacht, dass ich das einmal spielen kann.“

Das ist für mich ein viel schöneres Ergebnis als die Feststellung:

„Ich wusste ja schon immer, dass ich Talent habe.“

Was können Eltern sagen?

Vielleicht hilft eine kleine Veränderung im Alltag. Wenn Ihr Kind etwas gut gemacht hat, versuchen Sie einmal, nicht nur das Ergebnis zu kommentieren. Fragen Sie stattdessen:

„Was ist dir diesmal leichter gefallen?“

„Was hast du verändert?“

„Worauf bist du besonders stolz?“

„Was hat dir beim Üben geholfen?“

Damit lenken wir die Aufmerksamkeit weg von der Bewertung und hin zum eigenen Lernprozess. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir Kindern mitgeben können: Nicht immer sofort gut sein zu müssen. Sondern zu wissen, wie man besser werden kann.

Mein Fazit

Ich werde auch weiterhin meinen Schülerinnen und Schülern sagen, wenn etwas schön klingt. Ich werde mich mit ihnen über Fortschritte freuen. Ich werde sie loben. Aber ich möchte ihnen nicht das Gefühl geben, dass ihr Wert oder ihre musikalischen Fähigkeiten davon abhängen, immer gut zu sein. Denn irgendwann wird jedes Kind an einen Punkt kommen, an dem etwas schwierig wird. Dann wünsche ich mir, dass es nicht denkt:

„Ich bin wohl nicht talentiert genug.“

Sondern:

„Das ist schwierig. Aber ich kann es lernen.“

Und genau darin liegt für mich eine der schönsten Seiten des Musikunterrichts.


Wissenschaftliche Quellen

Mueller, C. M. & Dweck, C. S. (1998). Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance. Journal of Personality and Social Psychology, 75(1), 33–52. Die Studie untersuchte sechs Experimente und fand unter anderem, dass Personenlob auf Intelligenz nach Misserfolg mit geringerer Ausdauer und Freude verbunden war als Lob für Anstrengung. (PubMed)

Henderlong, J. & Lepper, M. R. (2002). The Effects of Praise on Children’s Intrinsic Motivation: A Review and Synthesis. Psychological Bulletin, 128(5), 774–795. Die Übersichtsarbeit zeigt, dass die Wirkung von Lob stark davon abhängt, wie es formuliert wird und welche Botschaft es übermittelt. (PubMed)

Gunderson, E. A. et al. (2013). Parent Praise to 1- to 3-Year-Olds Predicts Children’s Motivational Frameworks 5 Years Later. Child Development. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen frühem elterlichem Lob für Anstrengung und späteren Vorstellungen von Fähigkeiten als veränderbar. (PubMed)


Warum Fehler die besten Lehrer sind

„Oh nein, das war falsch!“

Diesen Satz höre ich im Klavierunterricht immer wieder. Oft sagen ihn meine Schülerinnen und Schüler schon, bevor ich überhaupt reagieren kann.

Ein falscher Ton – und schon ist die Enttäuschung groß.

Manche beginnen das Stück sofort von vorne. Andere entschuldigen sich. Wieder andere trauen sich gar nicht erst, schwierige Stellen auszuprobieren.

Dabei ist genau das der Moment, in dem Lernen beginnt.

Fehler sind kein Zeichen von Schwäche

Wenn wir etwas Neues lernen, machen wir Fehler. Das war schon so, als wir laufen gelernt haben. Wir sind hingefallen, wieder aufgestanden und haben es erneut versucht.

Niemand würde von einem Kleinkind erwarten, beim ersten Versuch perfekt laufen zu können.

Warum erwarten wir dann von einem Kind, dass es ein neues Musikstück sofort fehlerfrei spielt?

Fehler sind kein Beweis dafür, dass jemand unmusikalisch ist. Sie zeigen lediglich, dass gerade etwas Neues entsteht.

Unser Gehirn lernt aus Fehlern

Die Lernpsychologie zeigt, dass unser Gehirn besonders aufmerksam wird, wenn etwas nicht so funktioniert wie erwartet.

Ein falscher Ton oder ein verpatzter Rhythmus sind deshalb keine Katastrophe. Sie liefern unserem Gehirn wichtige Informationen:

„Hier darf ich noch etwas lernen.“

Jeder Fehler hilft dabei, neue Verbindungen im Gehirn aufzubauen und das Gelernte zu festigen. Deshalb gehören Fehler zu jedem erfolgreichen Lernprozess dazu.

Perfektion ist kein guter Lehrer

Viele Menschen glauben, sie müssten erst perfekt sein, bevor sie stolz auf sich sein dürfen.

Ich sehe das anders.

Perfektion ist kein Ausgangspunkt. Sie ist – wenn überhaupt – das Ergebnis vieler kleiner Lernschritte.

Wer Angst vor Fehlern hat, spielt oft verkrampft. Wer sich Fehler erlauben darf, spielt freier, mutiger und mit mehr Freude.

Gerade Musik lebt davon, dass wir uns etwas trauen.

Wie Lob Kinder stärkt

Die Psychologin Carol Dweck hat sich viele Jahre mit der Frage beschäftigt, warum manche Kinder Herausforderungen mutig annehmen, während andere schnell aufgeben.

Ihre Forschung zeigt:

Kinder profitieren besonders davon, wenn nicht nur das Ergebnis gelobt wird, sondern der Weg dorthin.

Statt zu sagen:

„Du bist so talentiert.“

ist es oft hilfreicher zu sagen:

„Du hast heute richtig konzentriert gearbeitet.“

Oder:

„Ich sehe, wie viel sicherer diese Stelle schon geworden ist.“

So lernen Kinder, dass Fortschritte nicht vom Talent abhängen, sondern von Übung, Geduld und Ausdauer.

Was Eltern tun können

Wenn Ihr Kind beim Üben einen Fehler macht, müssen Sie ihn nicht sofort korrigieren. Oft hilft eine einfache Frage:

„Was ist dir gerade aufgefallen?“

Dadurch lernt Ihr Kind, selbst zuzuhören und Lösungen zu finden. Das stärkt nicht nur das musikalische Gehör, sondern auch das Selbstvertrauen.

Auch Erwachsene dürfen Fehler machen

Viele Erwachsene sagen in ihrer ersten Klavierstunde:

„Ich bin bestimmt zu alt.“

Oder:

„Ich habe überhaupt kein Talent.“

Doch meist sind es nicht die Finger, die im Weg stehen. Es ist die Angst, Fehler zu machen. Dabei ist Klavierunterricht keine Prüfung. Niemand erwartet Perfektion.

Jeder Fehler bringt uns einen kleinen Schritt weiter.

Mein Verständnis von Unterricht

Natürlich korrigiere ich Fehler. Aber nicht, um zu zeigen, was falsch war. Sondern um gemeinsam herauszufinden, wie es leichter gelingt.

Ich wünsche mir Schülerinnen und Schüler, die neugierig bleiben.

Die sich trauen, Neues auszuprobieren. Die über kleine Missgeschicke auch einmal lachen können.

Und die erleben: Ein Fehler bedeutet nicht, dass ich gescheitert bin. Er bedeutet, dass ich gerade lerne. Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die Kinder im Klavierunterricht machen können.

Nicht nur für die Musik. Sondern für das ganze Leben.


Weiterführende Literatur

  • Carol S. Dweck (2006): Mindset – The New Psychology of Success.
  • Dweck, C. S. (2017): Mindset: Changing the Way You Think to Fulfil Your Potential.
  • Moser, J. S. et al. (2011): Mind Your Errors: Evidence for a Neural Mechanism Linking Growth Mindset to Adaptive Posterror Adjustments. Psychological Science.
  • Hattie, J. (2023): Visible Learning: The Sequel.

Muss mein Kind wirklich jeden Tag üben?

Diese Frage höre ich im Unterricht immer wieder:

„Muss mein Kind wirklich jeden Tag üben?“

Meine Antwort überrascht viele Eltern.

Nein – zumindest nicht um jeden Preis.

Natürlich lernt niemand Klavier, ohne zu üben. Üben gehört dazu wie das Lesen zum Schreibenlernen. Doch die eigentliche Frage lautet nicht:

„Wie oft wird geübt?“

Sondern:

„Wie wird geübt?“

Viel hilft nicht immer viel

Viele Eltern glauben, möglichst lange Übezeiten würden automatisch zu besseren Fortschritten führen.

Doch so einfach ist es nicht.

Die Lernpsychologie zeigt, dass unser Gehirn neue Fähigkeiten am besten verarbeitet, wenn regelmäßig geübt wird – allerdings in Einheiten, die konzentriert und bewusst stattfinden. Gerade bei Anfängerinnen und Anfängern lässt die Aufmerksamkeit nach einer gewissen Zeit deutlich nach.

Nach zwanzig Minuten konzentrierten Übens kann deshalb mehr gelernt worden sein als nach einer Stunde lustlosen Wiederholens.

Lieber regelmäßig als stundenlang

Ein Kind, das fünfmal in der Woche zehn bis fünfzehn Minuten mit Freude übt, macht häufig größere Fortschritte als ein Kind, das sich einmal pro Woche eine Stunde widerwillig ans Klavier setzt.

Der Grund ist einfach:

Unser Gehirn braucht Wiederholungen.

Nicht möglichst viele Minuten am Stück.

Regelmäßige kleine Lerneinheiten helfen dabei, Bewegungsabläufe zu automatisieren und neue Inhalte dauerhaft im Gedächtnis zu verankern.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Psychologie unterscheidet zwischen Quantität und Qualität des Übens.

Forschungen zeigen, dass erfolgreiches Üben vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass Lernende aufmerksam arbeiten, sich kleine Ziele setzen, Fehler bewusst wahrnehmen und Lösungen ausprobieren.

Nicht die Uhr entscheidet über den Lernerfolg, sondern die Konzentration.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt:

Menschen lernen nachhaltiger, wenn sie sich aus eigener Motivation mit einer Aufgabe beschäftigen. Wer ausschließlich übt, weil Druck aufgebaut wird oder Angst vor Kritik besteht, verliert häufig langfristig die Freude am Musizieren.

Wie lange sollte ein Anfänger üben?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht.

Jedes Kind ist anders.

Als grobe Orientierung haben sich folgende Zeiten bewährt:

  • Vorschulkinder: 5–10 Minuten
  • Grundschulkinder: 10–20 Minuten
  • Jugendliche: 20–30 Minuten

Wichtiger als jede Minutenzahl ist jedoch, dass das Üben mit voller Aufmerksamkeit geschieht.

Manchmal reichen zehn Minuten völlig aus.

An anderen Tagen entstehen aus zehn Minuten ganz von selbst dreißig.

Auch das ist in Ordnung.

Was können Eltern tun?

Viele Eltern möchten ihr Kind bestmöglich unterstützen.

Das ist wunderbar.

Manchmal bedeutet Unterstützung aber nicht, ständig ans Üben zu erinnern.

Viel hilfreicher ist es,

  • Interesse zu zeigen,
  • sich ein neues Stück vorspielen zu lassen,
  • kleine Fortschritte wahrzunehmen,
  • und gemeinsam Freude über das Gelernte zu haben.

Kinder spüren sehr genau, ob das Klavier nur eine weitere Pflicht ist – oder etwas, worauf ihre Eltern ehrlich neugierig sind.

Es gibt Tage, an denen Üben einfach nicht klappt

Nach einem langen Schultag, einer Klassenarbeit oder wenn ein Kind traurig oder erschöpft ist, darf das Klavier auch einmal geschlossen bleiben.

Ein freier Tag macht aus niemandem eine schlechtere Pianistin oder einen schlechteren Pianisten.

Im Gegenteil:

Pausen gehören zum Lernen dazu.

Unser Gehirn verarbeitet viele Inhalte sogar während der Erholung weiter.

Mein Unterricht

Natürlich wünsche ich mir, dass meine Schülerinnen und Schüler regelmäßig üben.

Dennoch würde ich niemals Strichlisten oder Hausaufgabenhefte führen.

Ich wünsche meinen Schülerinnen und Schüler, dass sie ihre eigenen Fortschritte erleben.

Dabei geht es mir nicht um Perfektion.

Es geht darum, dass Musik ein fester Bestandteil des Alltags werden darf – ohne Druck, ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst vor Fehlern.

Denn wer mit Freude ans Klavier geht, wird meist länger dabeibleiben.

Und genau das ist mein Ziel.


Weiterführende Literatur

  • Ericsson, K. Anders; Krampe, Ralf T.; Tesch-Römer, Clemens (1993): The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406.
  • McPherson, Gary E. & Renwick, James M. (2001): A Longitudinal Study of Self-Regulation in Children’s Musical Practice. Music Education Research.
  • Ryan, Richard M. & Deci, Edward L. (2020): Intrinsic and Extrinsic Motivation from a Self-Determination Theory Perspective. Contemporary Educational Psychology.

Warum sich der Klavierunterricht verändern musste – und warum das gut so ist

Vor einiger Zeit habe ich darüber geschrieben, wie sehr sich der Klavierunterricht in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Viele ehemalige Schülerinnen und Schüler erinnern sich noch an einen Unterricht, der von strengen Regeln, langen Übezeiten und hohen Erwartungen geprägt war. Für manche war genau das der richtige Weg. Andere hingegen haben dadurch die Freude am Musizieren verloren.

Heute wissen wir deutlich mehr darüber, wie Menschen lernen. Die Musikpädagogik hat sich weiterentwickelt – und auch die Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten wichtige Erkenntnisse gewonnen. Diese zeigen, dass nachhaltiges Lernen nicht allein von Disziplin abhängt, sondern ebenso von Motivation, Freude und einer vertrauensvollen Lernatmosphäre.

Motivation ist kein Luxus – sie ist die Grundlage erfolgreichen Lernens

Klavier spielen zu lernen braucht Zeit. Niemand wird nach wenigen Wochen ein Konzert spielen können. Regelmäßiges Üben gehört selbstverständlich dazu.

Doch entscheidend ist nicht nur wie viel geübt wird, sondern warum.

Übt ein Kind, weil es Angst vor Fehlern oder Kritik hat? Oder übt es, weil es selbst erleben möchte, wie ein Musikstück immer schöner klingt?

Dieser Unterschied ist größer, als man zunächst vermuten würde.

Die Psychologen Edward L. Deci und Richard M. Ryan beschäftigen sich seit vielen Jahrzehnten mit der Frage, wodurch Menschen langfristig motiviert bleiben. Ihre Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory) zählt heute zu den bedeutendsten Motivationstheorien weltweit.

Sie beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein sollten, damit Menschen mit Freude und Ausdauer lernen:

  • Autonomie – das Gefühl, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen.
  • Kompetenz – das Erleben: „Ich schaffe das.“
  • Soziale Verbundenheit – eine wertschätzende und vertrauensvolle Beziehung zur Lehrkraft.

Wer diese drei Bedürfnisse erlebt, entwickelt nachweislich mehr Freude am Lernen, bleibt länger motiviert und geht Herausforderungen selbstbewusster an.

Was bedeutet das für den Klavierunterricht?

Ein moderner Klavierunterricht verzichtet deshalb nicht auf Anspruch oder regelmäßiges Üben.

Er stellt lediglich den Menschen in den Mittelpunkt.

Dazu gehört beispielsweise,

  • dass Fehler nicht als Versagen bewertet werden,
  • dass Fortschritte wahrgenommen und wertgeschätzt werden,
  • dass Schülerinnen und Schüler eigene musikalische Interessen einbringen dürfen,
  • und dass Lernen in einer Atmosphäre stattfindet, in der Fragen willkommen sind.

Gerade im Musikunterricht ist das von besonderer Bedeutung. Musik ist weit mehr als das korrekte Spielen der richtigen Töne. Sie lebt von Ausdruck, Kreativität und Persönlichkeit.

Fehler sind ein wichtiger Teil des Lernens

Viele Menschen verbinden Fehler mit Misserfolg.

Aus lernpsychologischer Sicht sind Fehler jedoch unverzichtbar. Sie zeigen uns, was wir bereits können – und woran wir noch wachsen dürfen.

Wenn Kinder lernen, Fehler nicht als Niederlage zu betrachten, sondern als natürlichen Bestandteil ihres Lernprozesses, entwickeln sie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.

Diese Erfahrung begleitet sie oft weit über den Musikunterricht hinaus.

Musik als Gegenpol zum Leistungsdruck

Kinder und Jugendliche erleben heute in vielen Lebensbereichen einen hohen Leistungsdruck. Schule, Freizeit, soziale Medien und gesellschaftliche Erwartungen fordern sie täglich heraus.

Umso wichtiger erscheint mir ein Ort, an dem nicht Perfektion im Mittelpunkt steht, sondern Entwicklung.

Ein Ort, an dem ein Kind stolz sein darf, weil es einen schwierigen Rhythmus verstanden hat.

Ein Ort, an dem ein Jugendlicher sich traut, ein eigenes Lied zu schreiben.

Ein Ort, an dem Erwachsene nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach abschalten und Musik genießen dürfen.

Genau das kann guter Klavierunterricht leisten.

Mein Verständnis von Unterricht

Natürlich wünsche ich mir, dass meine Schülerinnen und Schüler Fortschritte machen. Ich freue mich über saubere Technik, musikalischen Ausdruck und gelungene Vorspiele.

Doch noch mehr freue ich mich, wenn ein Kind nach der Stunde mit einem Lächeln nach Hause geht.

Wenn Erwachsene überrascht feststellen, dass sie sich mehr zutrauen, als sie gedacht hätten.

Oder wenn jemand sagt:

„Ich freue mich schon auf die nächste Klavierstunde.“

Denn ich bin überzeugt:

Musikunterricht sollte nicht nur gute Pianistinnen und Pianisten hervorbringen.

Er sollte Menschen stärken.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Entwicklung, die der Klavierunterricht in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat.

Quellen
Die im Artikel beschriebenen Zusammenhänge stützen sich unter anderem auf folgende wissenschaftliche Arbeiten:
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2020). Intrinsic and Extrinsic Motivation from a Self-Determination Theory Perspective. Contemporary Educational Psychology, 61.
Evans, P. (2015). Self-determination theory: An approach to motivation in music education. Musicae Scientiae, 19(1), 65–83.
Evans, P. & Bonneville-Roussy, A. (2016). Self-determined motivation for practice in university music students. Psychology of Music, 44(5), 1095–1110.

Klavierunterricht früher vs. heute – warum Motivation wichtiger ist als Leistungsdruck

Vor etwa 25 Jahren bekam ich meinen ersten richtigen Klavierunterricht. Das überrascht viele, denn ich bin Autodidaktin und hatte erst während meines Musikstudiums an der Universität Unterricht.

Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit.

Jede Klavierstunde fühlte sich für mich wie eine Prüfung an. Ich musste zeigen, dass ich geübt hatte – auch dann, wenn ich ein Stück überhaupt nicht mochte. Die größte Angst war nicht, einen falschen Ton zu spielen. Es war das Gefühl zu versagen oder zugeben zu müssen, dass ich nicht geübt hatte.

Gelobt wurde eher selten. Stattdessen wurden Fehler gesucht und korrigiert. Die Freude an der Musik rückte dabei oft in den Hintergrund, denn ich durfte nur selten die Musik spielen, die mich wirklich begeistert hätte.

Selbst der Unterricht fühlte sich wie ein Vorspiel an.

Heute, viele Jahre später, unterrichte ich selbst Klavier. Und oft denke ich an diese Zeit zurück – allerdings nicht, weil ich sie vermisse, sondern weil sie mich geprägt hat.

Es gab einen Moment, den ich nie vergessen werde: Mein damaliger Klavierlehrer ist während meines Unterrichts neben mir eingeschlafen.

In diesem Augenblick wurde mir klar: So möchte ich niemals unterrichten.

Natürlich gehören Technik, Rhythmus und regelmäßiges Üben zum Klavierlernen dazu. Aber ich bin überzeugt, dass all das viel nachhaltiger wächst, wenn ein Kind Freude am Musizieren entwickelt.

Deshalb sieht mein Unterricht heute ganz anders aus.

Ich lobe viel. Wir erarbeiten schwierige Stellen gemeinsam, statt dass Kinder sich allein daran abkämpfen. Ich spiele mit ihnen zusammen, unterstütze beim Rhythmus und nehme ihnen die Angst vor Fehlern.

Vor allem dürfen meine Schülerinnen und Schüler Musik spielen, die sie begeistert.

Lieblingslieder sind in meinen Augen kein Hindernis für gutes Lernen – sie sind der Schlüssel dazu. Wer ein Stück liebt, setzt sich ganz automatisch häufiger ans Klavier. Motivation entsteht nicht durch Leistungsdruck, sondern durch Begeisterung.

Ein weiterer Aspekt ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden: die mentale Gesundheit.

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der sie an vielen Stellen Leistung erbringen sollen – in der Schule, im Sport und oft auch in ihrer Freizeit. Viele stehen unter einem enormen Druck. Ich glaube deshalb, dass Musikunterricht ein Ort sein sollte, an dem Kinder nicht noch mehr Druck erleben, sondern Selbstvertrauen entwickeln dürfen.

Musik hat die Kraft, Stress abzubauen, Gefühle auszudrücken und Erfolgserlebnisse zu schenken. Dafür braucht es einen geschützten Raum, in dem Fehler erlaubt sind und Entwicklung wichtiger ist als Perfektion. Denn wer ständig Angst hat, nicht gut genug zu sein, verliert irgendwann die Freude – nicht nur am Klavierspielen.

Auch die Möglichkeiten des Unterrichts haben sich verändert. Apps zum Notenlernen, digitale Noten, selbst eingespielte Playbacks oder ein kurzer Blick auf YouTube helfen dabei, Musik noch greifbarer zu machen. Moderne Technik ersetzt keinen guten Unterricht – aber sie kann ihn wunderbar ergänzen.

Trotzdem möchte ich Eltern eines ehrlich sagen:

Ich kann nicht zaubern.

Die Entscheidung, ein Instrument zu lernen, muss letztlich aus dem Kind selbst kommen. Kein Klavierlehrer der Welt kann echte Motivation erzwingen. Aber wir können sie fördern, stärken und begleiten.

Ich hole jedes Kind dort ab, wo es gerade steht.

Leistungsdruck entsteht bei mir erst dann, wenn wir uns gemeinsam auf ein Vorspiel vorbereiten. Dann unterstütze ich, nehme Unsicherheiten ernst und helfe dabei, mit einem guten Gefühl auf die Bühne zu gehen.

Mein Ziel ist nicht, dass Kinder möglichst schnell perfekt spielen.

Mein Ziel ist, dass sie sich auch viele Jahre später noch gerne ans Klavier setzen.

Denn Technik kann man lernen. Aber:

Freude an der Musik, Selbstvertrauen und Begeisterung sind das Fundament, auf dem alles andere wachsen kann.

Gedanken zum JeKi Unterricht


Heute möchte ich mit Euch meine Gedanken zum Thema JeKi – Jedem Kind ein Instrument – teilen.

Ich beginne mit einer kurzen Zusammenfassung, damit ihr das Projekt kennenlernen könnt.

„Jedem Kind ein Instrument“, kurz JeKi genannt, ist ein musikalisches Förderprogramm in Deutschland, das darauf abzielt, Kindern im Grundschulalter den Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen. Es fördert die frühzeitige musikalische Erziehung und bietet den Kindern die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen und in einer Gruppe zu musizieren. Das Programm soll die Kreativität, Teamfähigkeit und das Selbstbewusstsein der Kinder stärken und ihnen helfen, eine positive Beziehung zur Musik aufzubauen. Es wird in vielen Schulen angeboten und ist ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Bildung in Deutschland. Dabei wird in Kleingruppen mit bis maximal 8 SchülerInnen wöchentlich ein Instrument gelernt. Die Kinder verpflichten sich für 2 Jahre, das Instrument, welches sie nach einer Auswahl im Vorfeld gewählt haben, zu erlernen.

Ich selbst habe 5 Jahre an einer Grundschule in Hamburg gearbeitet, und Klavier  im Rahmen des JeKi Programms unterrichtet. Während dieser Zeit habe ich viele Erfahrungen im Gruppenunterricht gesammelt und viele Fragen kamen auf:

Warum MUSS jedes Kind ein Instrument lernen?

Was passiert mit den SchülerInnen die eigentlich nicht wollen?

Wie reagiert man auf SchülerInnen, die sich schwer im Unterricht konzentrieren, sich unangemessen verhalten und stören?

Mit welchen Methoden kann hier der Unterricht für alle gleichermaßen schön gestaltet werden?

Wie werde ich dieser Konstellation den talentierten SchülerInnen gerecht?

Und wie kann ich meinen Ansprüchen am Instrumentalunterricht gerecht werden?

Richtig, es gibt viele Fortbildungen dazu. Nachdem ich bei zwei Fortbildungen zu diesem Thema war, habe ich festgestellt, dass es keine zufriedenstellende Lösung gibt. Meine Fragen konnten oft nicht beantwortet werden. Von Jahr zu Jahr bemerkte ich immer mehr, wie schwierig es ist, alle Kinder in meinem Unterricht mitzunehmen. Ich schreibe hier nicht von den Kindern, die einfach richtig Lust haben, dabei zu sein. Von den Kindern, die Freude am Instrument haben und gern darauf spielen und auch üben. Ich schreibe von Kindern, die durch den Zwang, der beim Jeki Konzept entsteht, einfach 2 Schuljahre daran gebunden sind, ein Instrument zu wählen. Sie müssen am Unterricht teilnehmen, üben, üben und üben. Und wollen das eigentlich gar nicht. Was genau ist hier das Lernziel? Wieviel Frust entsteht dabei? Nicht nur beim Schüler, sondern auch bei der Lehrkraft. Diese Situation hat leider dazu geführt, dass ich in diesem Sommer aufgehört habe mit dem Unterricht an der Jeki Schule. Ich war zuletzt an drei  Vormittagen im Unterricht. Ich unterrichtete Kinder aus der zweiten Klasse, dritten und vierten Klasse. Ich unterrichtete gern, nicht umsonst leite ich seit 10 Jahren eine wirklich gut laufende Musikschule. Ich bin sehr kreativ und reiße mir hin und wieder gern auch ein Bein aus, um auch den letzten Schüler noch zu motivieren, dass er wenigstens im Fünf Ton Raum auf dem Klavier vorspielen kann. Aber auf Dauer ist das kein Zustand. Immer wieder machte ich mir Gedanken darüber, welche Rolle der „Zwang“ in diesem Zusammenhang spielt.

Ich liste mal die positiven und negativen Konsequenzen auf, die durch Zwang ein Instrument zu lernen entstehen:

Positive Auswirkungen:
Entwicklung von Disziplin und Ausdauer: Kinder lernen, sich regelmäßig einer Aktivität zu widmen und Durchhaltevermögen zu entwickeln.
Kognitive Vorteile: Musikalisches Training fördert die Gehirnentwicklung, verbessert das Gedächtnis und stärkt die mathematischen Fähigkeiten.
Kulturelle Bereicherung: Kinder bekommen Zugang zu einer wichtigen kulturellen Ausdrucksform und lernen, Musik zu schätzen.
Verbesserte schulische Leistung: Studien haben gezeigt, dass musikalisches Training die schulischen Leistungen in anderen Bereichen verbessern kann.

Negative Auswirkungen:
Verlust der Freude an der Musik: Wenn Kinder gezwungen werden, kann das zu einer Abneigung gegenüber Musik führen.
Stress und Druck: Zwang kann zu Stress, Angst und geringem Selbstwertgefühl führen, besonders wenn die Kinder nicht das Gefühl haben, die Erwartungen erfüllen zu können.
Gestörtes Verhältnis zu den Eltern / zur Lehrkraft: Kinder könnten ein angespanntes Verhältnis zu ihren Eltern entwickeln, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre eigenen Wünsche und Interessen nicht respektiert werden.
Geringe Motivation: Intrinsische Motivation ist wichtiger als extrinsische; Kinder, die gezwungen werden, könnten weniger motiviert sein, wirklich gut in ihrem Instrument zu werden oder es langfristig weiter zu spielen.

Vorteile / Nachteile Gruppenunterricht

Vorteile:
Soziale Interaktion: Kinder lernen, in einer Gruppe zu arbeiten, was ihre sozialen Fähigkeiten stärkt und Teamarbeit fördert.

Motivation und Wettbewerb: Das Lernen in einer Gruppe kann durch gesunden Wettbewerb und gegenseitige Motivation die Lernbereitschaft und das Engagement steigern.

Kosteneffizienz: Gruppenunterricht ist in der Regel günstiger als Einzelunterricht, was für viele Familien finanziell attraktiver ist.

Vielfältige Lernmethoden: Lehrer können verschiedene Unterrichtsmethoden und Aktivitäten nutzen, um den Unterricht interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten.

Gemeinschaftsgefühl: Schüler entwickeln ein Gefühl der Zugehörigkeit und können Freundschaften mit Gleichgesinnten schließen, was das Lernen angenehmer macht.

Nachteile:
Weniger individuelle Aufmerksamkeit: Der Lehrer kann nicht auf die individuellen Bedürfnisse und das Lerntempo jedes Schülers eingehen, was den Fortschritt einiger Schüler verlangsamen könnte.

Unterschiedliche Fortschrittsraten: In einer Gruppe haben Schüler oft unterschiedliche Lernfortschritte, was zu Frustration bei schnelleren oder langsameren Lernern führen kann.

Ablenkungspotenzial: Die Gruppenumgebung kann ablenkend sein, besonders für jüngere Kinder oder solche, die leicht abgelenkt werden.

Begrenzte Instrumentennutzung: Bei begrenzter Anzahl von Instrumenten müssen sich Schüler möglicherweise abwechseln, was die Übungszeit verkürzt.

Standardisierte Lehrmethoden: Der Unterricht könnte standardisiert sein und weniger Raum für individuelle Kreativität und Ausdruck bieten.

Mein Fazit: Gruppenunterricht im Klavierlernen kann eine lohnende Erfahrung sein, besonders für Kinder, die gerne in sozialen Umgebungen lernen und von der Interaktion mit Gleichaltrigen profitieren. Eltern und Lehrer sollten jedoch die individuellen Bedürfnisse und Lernstile der Kinder berücksichtigen, um sicherzustellen, dass sie das Beste aus ihrer musikalischen Ausbildung herausholen. Eine Mischung aus Gruppen- und Einzelunterricht kann oft die besten Ergebnisse erzielen. Und wenn es die Erfahrung ist, kein Interesse zu haben, ein Instrument zu lernen, dann muss das unbedingt berücksichtigt werden. Woche für Woche haben diese Kinder Ihre Mappe nicht dabei, und/oder üben nicht zu Hause. Woche für Woche verlieren diese Kinder immer mehr den Anschluss, und kommen nicht mit. Und dann kommen die Jeki Vorspielkonzerte und Schüler A kann einfach nicht auf dem Klavier spielen, weil er einfach nicht weiss, was er machen soll, weil es ihn einfach nicht interessiert. Ich persönlich finde es überhaupt nicht schlimm, das Schüler A kein Interesse zeigt, ich finde es viel schlimmer, die Lehrkraft und den Schüler mit dieser Situation zu belasten. Am Ende hat die Lehrperson 2 Jahre versucht den Schüler mit in den Unterricht zu integrieren und es hat nicht funktioniert. In einer Musikschule wäre dieser Schüler wohl nie aufgenommen worden. Was genau muss von einer Lehrkraft abverlangt werden, damit auch dieser Schüler Lust hat ein Instrument zu lernen? Es ist auf jeden Fall falsch, Schüler ganze zwei Schuljahre zu verpflichten, wenn sich herausstellt, dass es doch nichts ist für den ein oder anderen.

Ich unterrichtete in 14 verschiedenen Klassen. In fast jeder Klasse gab es mindestens ein, oder auch zwei Kinder, auf die die oben genannte Situation passte. Ich weiss nicht hundertprozentig, ob dies am Standort der Schule lag, kann mir das aber gut vorstellen (KESS 2 Schule mit herausfordernden sozio-ökonomischen Verhältnissen).

Ich bin mir sicher, dass diese Situationen vielen Musiklehrkräften nicht unbekannt sind. Was aber könnte man tun, um dem entgegenzuwirken? Bisher habe ich nur erfahren, dass diese SchülerInnen trotzdem integriert werden sollen / müssen. Mit allen Massnahmen die möglich sind. Eine andere Lösung gab / gibt es vorerst nicht. Das ist auch oft ein Thema bei Fortbildungen. Ich glaube dass ist der falsche Weg.

An einem Unterrichtstag begleitete meine 8 jährige Tochter den Unterricht in Klasse 3 und 4. Sie konnte bei allen Stücken auf dem Klavier mitspielen, und fand es auch ganz spannend zu erleben, wie in der Gruppe Klavierunterricht stattfinden kann (bisher kannte sie nur den Einzelunterricht). Die 4 Unterrichtstunden waren geprägt von Vorbereitungen, Gesprächen, organisatorischen Planungen, aber weniger mit „Musik machen“. An der Tagesordnung waren: Mappe vergessen , Notenblätter fehlen, vergessen zu üben, ständige störende Gespräche, und “ Frau Westphal, wo liegt noch mal das gis?“ (Wir hatten das bereits seit mindestens 2 Monaten).

Am Ende fragte dann meine Tochter: Wie kannst Du denn so Klavier unterrichten? Meine Antwort: „Eigentlich gar nicht so richtig, ich schraube einfach meine Ansprüche sehr weit runter, und erwarte das Wenigste.“ Im Übrigen: der überarbeitete Jeki Lehrplan von vor ca 2 Jahren entspricht kaum der Unterrichtsrealität. Zumindest nicht an der Schule an der ich unterrichtete.

Jetzt bleibt natürlich noch die Erklärung, dass ich vielleicht nicht gut genug bin in meiner Arbeit. Das würde dann bedeuten, dass ich eventuell versagt habe?
Ich schließe für mich jedenfalls in Zukunft aus, Gruppen in dieser Form zu unterrichten.

Das Projekt hat sicher viele Vorteile und eröffnet vielen Kindern Wege, ein Instrument zu erlernen. Aber es gibt eben auch Nachteile, die ich für wirklich wichtig erachte. Ich würde mich freuen, wenn es da in der Zukunft Nachbesserungen gibt, die ALLE Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt.

Im Übrigen: welche Musikschullehrkraft unterrichtet eigentlich inklusiv ein Instrument? In der meiner pädagogischen Ausbildung vor 20 Jahren war dies nie ein Thema…. Aber vielleicht ist das heute schon ganz anders…

Grüsse aus Hamburg

Melanie

Für weitere Informationen:

https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/schulbehoerde/themen/jedem-kind-ein-instrument

10 Jahre Musikschule – ein Meilenstein

Heute nehme ich Euch mit auf die spannende Reise, wie so ein Jubiläum geplant werden kann.

Die erste Frage, die ich mir stellte war, was genau soll denn passieren? Wie will ich das feiern? Und vor allen Dingen, wie können meine Schülerinnen dazu beitragen, und haben auch noch was davon?

Normalerweise organisiere ich in meiner Musikschule genau ein Jahresabschlusskonzert – nämlich zu Weihnachten. Beim letzten  Konzert hatte ich dann schon grob die Idee, dass es im Folgejahr kein Weihnachtskonzert geben wird, sondern im Sommer ein OpenAir Konzert in meinem Garten. Ich verliebte mich immer mehr in die Idee, meinen SchülerInnen die Möglichkeit zu geben, etwas Open Air Festival Luft zu schnuppern, und zwar nicht nur aus der Publikumsperspektive.

Somit reifte die Idee immer mehr und ich begann schon im Januar mit der Vorbereitung. Das Thema des Open Airs sollte sein: beliebte Songs aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Dazu hatten die Schülerinnen die Aufgabe, in der Familie zu fragen, was denn in Ihren jungen Jahren so gehört wurde. Und so verbrachten wir den komplette Januar damit auf Recherche zu gehen, welcher Song passt am besten zu den SchülerInnen. Es sammelte sich ein Potpouri an wirklich tollen Songs, die einfach allen bekannt sind. Zugegeben, die dazu passenden Klavierversionen hatten es oft in sich, sodass einige SchülerInnen über sich hinauswuchsen. Es war unfassbar schön mit anzusehen, mit welchem Ehrgeiz gelernt wurde. Mit wieviel Phantasie nach passenden Liedern gesucht wurde und Ideen verwirklicht wurden. War der Song zu leicht, habe ich ihn etwas schwieriger arrangiert. Umgekehrt genauso, es gab auch Partituren, die viel zu schwer waren, diese habe ich dann dem Können des Schülers und der Schülerin angepasst, sodass sie sie zwar herausgefordert waren, aber es dennoch schaffen konnten.

Um welche Songs geht es hier eigentlich? Dancing Queen von ABBA, Let it be von den Beatles, Staying alive von den Bee Gees oder Billie Jean von Michael Jackson. Das sind nur ein paar Beispiele von vielen. Eine Liste aller Songs füge ich dem Artikel bei.

Wie genau bin ich bei der Recherche vorgegangen? Zunächst habe ich im Einzelunterricht besprochen, welcher Song gelernt werden soll. Dann haben wir uns gemeinsam bei Youtube auf die Suche nach einer Klavierversion gemacht. Bei dem Kanal von Rousseaou bin ich oft fündig geworden. Das sind meist Piano Tutorials in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, welche sich meine SchülerInnen sowieso ständig selbst anschauen, und sich darüber Inspirationen holen. In den meisten Fällen stand dann in den Beschreibungen ein Link, wo man die Noten (in der Regel kostenpflichtig) bekommen kann, was mir die Arbeit enorm erleichterte. Ich stelle mir lieber nicht vor, wieviel Zeit ich investieren müsste, um alle Songs (es waren übrigens 29) selbst arrangieren müsste. Insofern sage ich an dieser Stelle mal Danke an das WWW 😇

Die Noten gab es also bei sheetmusicdirect.com, bei musescore, bei Stretta, bei notendownload.de usw. Wenn ihr weitere Infos dazu braucht, meldet Euch gerne und schreibt mich an.

Nachdem nun die Notenauswahl feststand, galt es zu überlegen, wer mit wem zusammen ein Lied performen könnte. Und welches Lied sollte das Abschlusslied sein? Traditionell singen beim letzten Song immer alle SchülerInnen zusammen. Ein oder zwei SolistInnen singen die Strophe, der Rest als Chor im Refrain dazu. Ich habe mich für „Freiheit“ von Marius Müller Westernhagen entschieden. Ein wirklich zeitgemäßes Lied. Meine SchülerInnen kommen aus unterschiedlichen Nationen, ich fand es total passend die Message zu transportieren „Freiheit ist für alle da“. Ich habe dazu kleine Handflaggen aus verschiedenen Nationen besorgt, die wir alle zu dem Lied schwenken konnten. Das war ein wirklich zauberhafter Moment. Im Vorfeld habe ich mit allen SchülerInnen das Lied im Unterricht eingesungen (ich benutze die DAW Cubase, und studiere nebenbei Audio Engineering am Hofa College), sodass zum Ende des Schuljahres eine wirklich tolles Abschlussvideo ‚ Präsentation (Photos vom Konzert) mit gutem Audiomaterial jenseits irgendwelcher schlecht klingenden Handyaufnahmen entstand. Dieses lade ich als nicht gelistetes Video auf meinem Youtube Kanal hoch, sodass nur Menschen mit dem Link das Video sehen können. Ich vertraue da tatsächlich auf die achtsame Weitergabe des Links innerhalb der großen Musikschulfamilie. Das funktionierte bisher problemlos.

Wenn Ihr mehr über das Thema Audio Engineering, das Hofa College oder über das von mir benutzte Videoschnittprogramm wissen wollt, schreibt mich gerne an. Aber auch diesen Themen werde ich in Zukunft in weiteren Beiträgen ansprechen.

Nun noch einmal zurück zum Konzert – zu einem wirklich wichtigen Punkt: die Orga drum herum. Was brauche ich alles, damit das Open Air stattfinden kann? Habe ich einen Plan B, wenn das Wetter schlecht ist? Darf ich einfach so ein open Air Konzert im Garten veranstalten? Nehme ich Eintritt? Verkaufe ich Getränke und Essen? Mit Anmeldung, oder ohne? Dafür habe ich rechtzeitig, also schon Anfang April Freunde, Nachbarn und Familie gefragt, ob sie mir bei der Orga helfen. Und siehe da, das erste Orga Treffen war total konstruktiv, inklusive Aufgabenverteilung und Personaleinteilung am Konzert Abend. Das war wirklich fantastisch und gab mir ein sicheres Gefühl. Und obwohl ich vorab bei Google und ChatGPT gesucht habe, damit ich nichts vergesse, hatten meine HelferInnen noch soviele Ideen, an die ich nie alleine gedacht hätte. Sei es die GEMA Anmeldung, Preisgestaltung für Würstchen- und Getränkeverkauf, Pfandbecher, Wechselgeld, etc. Das macht man als Musiklehrerin ja normalerweise nicht so oft. Und wenn ich dann an meine Ansprüche denke, die in der Regel sehr hoch sind, ist das oft auch nicht hilfreich.

Fazit: Das Konzert fand unter Plan B Bedingungen statt, da unbeständiges Wetter vorhergesagt wurde. So typisch Hamburg. Ich konnte in ein Gemeindehaus in der Nähe unterkommen. Vielen Dank noch einmal an die liebe Katharina, derzeitige Kantorin der Evangelisch-Lutherischen Auferstehungsgemeinde Hamburg Lurup, für die Unterstützung.

https://www.kirche-lurup.de/

Die Bühne war toll dekoriert, mein Equipement hatte genug Platz. Gegrillt wurde draußen vorm Haus in einer geschützten Ecke. Es kamen über 150 Besucher exklusive der SchülerInnen. Das war wirklich unfassbar schön. Während des Konzerts konnte das Publikum kleine Komplimente Kärtchen für die SchülerInnen ausfüllen. Diese bekommen die SchülerInnen nach den Sommerferien von mir ausgehändigt. Und ich sage Euch, so schöne Komplimente sind verteilt worden. Die Idee hatte ich aus einer KlavielehrerInnen Facebookgruppe.

Ein weiteres Highlight war ein kleiner Wettbewerb. Das Programm vom Konzert war nicht öffentlich einsehbar. Jede,r Schüler,in hatte eine Startnummer. Das Publikum musste am Ende jedes Acts auf einem Laufzettel notieren, welches Lied und von welchem Interpreten/Band zu hören war. Am Ende gab’s das grosse Finale mit einer Siegerehrung. Der erste Platz bekam einen Eventim Gutschein, der 2. Platz einen Thalia Gutschein und der 3. Platz bekam einen Kinogutschein. Das kam richtig gut an… und ich sorgte dafür, dass die meisten auch bis zum Schluss geblieben sind. Alles in Allem dauerte das Konzert fast 3 Stunden. Das war schon sehr lang aber wirklich ein schöner und vor allem gelungener Abend.

Als Moderation zwischen den einzelnen Songs habe ich mir folgendes ausgedacht: die Reihenfolge der Songs war sortiert nach Jahrzehnten. So konnte ich als Einleitung zu den 60 iger Jahren interessante musikalische fun facts erklären. Dann zu den 70igern, usw.. Dank Chat GPT konnte ich das im Vorfeld schnell recherchieren und hatte damit keinen großen Aufwand.

Alles in Allem würde ich das Konzert genauso wieder planen & durchführen, allerdings gleich außerhalb meines Gartens, denn die Einwände meines Mannes, das niemals 150 Gäste in unseren 800m2 Garten passen waren wohl mehr als berechtigt. Ich bin mir sicher, dass er einen Deal mit dem Wettergott hatte! 😆

12.Juli 2024 – Gedanken zum 10jährigen Jubiläum

In meinem ersten Blog Beitrag möchte ich Euch von meinem 10 jährigen Jubiläum berichten. Eigentlich. Uneigentlich habe ich diesen ersten Beitrag verfasst, um herauszufinden, warum ich eigentlich schreiben möchte. Dabei soll es nicht nur um die Party an sich gehen, sondern auch, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Ich nehme also das 10 jährige Jubiläum als Anlass dafür, zurück zuschauen in die Vergangenheit und wie alles begann.

Vor 10 Jahren begann die Reise – ich gründete meine eigene Musikschule. Damals hatte ich vielleicht 8 SchülerInnen. Und ich machte ausschliesslich Hausbesuche. Eigentlich eine tolle Sache, dass alles so aufzubauen. Ich hätte nur nie gedacht, dass ich mindestens 8 Jahre brauche, um wirklich Geld damit zu verdienen. Wie komme ich an neue SchülerInnen, wie sollten die Verträge aussehen? Welcher Stundenlohn ist angemessen? Und brauche ich eigentlich eine Homepage? Und was war nochmal Social Media?

Da ich in der Zwischenzeit auch noch ein drittes Kind zur Welt gebracht hatte, konnte ich mir Zeit lassen mit dem Aufbau des Musikschul-Business. Alles kam zu seiner Zeit und entwickelte sich hin und wieder auch spontan.

Bis heute haben sich soviele tolle Möglichkeiten ergeben, die ich immer gern genutzt habe, um meinen Horizont zu erweitern, um über den Tellerrand der normalen Tätigkeit einer Musikschullehrerin hinaus zu schauen. Ich liste mal auf, was meine Arbeit als Lehrerin im musikalischen Bereich ausmachte:

  • Einzelunterricht in den Fächern Klavier, Gitarre & Gesang
  • Gruppenunterricht an einer naheliegenden Grundschule am Nachmittag: Blockflöte, Gitarre, Chor & Theater
  • Ferienkurse in umliegenden Grundschulen: Theaterstücke (Eule findet den Beat, Der Traumzauberbaum) und musikalische Früherziehungskurse für Vorschule & Klasse 1
  • musikalische Früherziehung in unterschiedlichen Kindertagesstätten und Eltern-Kind Gruppen.
  • Fortbildungen für ErzieherInnen „Mit der Gitarre und der Stimme Kinderlieder performen“ in Präsenz oder digital
  • Fortbildungen für GrundschullehrerInnen „Mit der Gitarre und der Stimme Kinderlieder performen“ in Präsenz oder digital
  • Ausbau des Unterrichtsangebotes im digitalen Bereich
  • JeKi -Jedem Kind ein Instrument – ein Konzept für den Instrumentalunterricht an ausgewählten Hamburger Grundschulen. Ich unterrichtete das Fach Klavier im Gruppenunterricht
  • Arbeit als Autorin für den Lugert Verlag: Gestaltung von Gefühlskarten für die Arbeit in Kita und Grundschule in Anlehung an „Die Eule findet den Beat – mit Gefühl“

Was soll ich sagen? All diese Tätigkeiten beweisen, wie spannend und vielseitig mein Beruf ist. Heute habe ich also genug zu tun. Einiges mache ich gar nicht mehr, andere Dinge werden sich noch auftun. So bleibe ich nie stehen, ich kann mich weiterentwickeln, ich komme vorran und bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeiten habe. Ich liebe diese Herausforderungen. Meine Arbeit hat dadurch einen enormen Mehrwert, ich ich mache das meistens sehr sehr gerne.

Und mit all diesen Themen habe ich entsprechend viel Material um meinen Blog zu füllen. Das hat sich gerade so ergeben, und darüber freue ich mich sehr. Ich mache mich also auf die Reise und nehme all meine Aufgabenbereiche noch einmal genau unter die Lupe und freue mich noch mehr darüber, dass Ihr dabei seid.

Freut Euch also auf spannenden Themen aus meinem Musikschulalltag!

Herzliche Grüsse,

Eure Melanie

P.S. im nächsten Beitrag geht es dann aber wirklich um die Jubiläumsparty, versprochen!

Piano Passion by modern music art