10 Irrtümer über Klavierunterricht – und was wirklich dahintersteckt

Wenn man Klavierunterricht gibt,

begegnen einem immer wieder bestimmte Vorstellungen darüber, wie Instrumentalunterricht funktionieren sollte.

Das Kind muss regelmäßig üben. Es muss Noten lernen. Es sollte klassische Stücke spielen. Es darf beim Vorspiel keine Fehler machen. Und wenn es irgendwann richtig gut werden soll, braucht es vor allem Talent und Disziplin. Vieles davon klingt zunächst plausibel. Und natürlich steckt in manchen dieser Vorstellungen auch ein wahrer Kern. Regelmäßiges Üben ist wichtig. Notenlesen ist hilfreich. Technik muss entwickelt werden. Und manchmal muss man sich auch durch etwas Schwieriges hindurcharbeiten.

Aber zwischen einer sinnvollen Anforderung und einem überholten Bild davon, wie Lernen auszusehen hat, liegt ein großer Unterschied. In den vergangenen neun Beiträgen dieser Reihe habe ich deshalb immer wieder genau diese Vorstellungen hinterfragt. Hier sind zehn Irrtümer, denen ich im Musikunterricht besonders häufig begegne.


1. „Mein Kind muss jeden Tag 30 Minuten üben.“

Regelmäßigkeit ist beim Erlernen eines Instruments wichtig. Das steht für mich außer Frage. Aber eine feste Zahl auf der Uhr sagt noch nichts darüber aus, wie ein Kind übt.Manchmal sind 15 konzentrierte Minuten unglaublich wertvoll. Manchmal sitzt ein Kind 30 Minuten am Instrument und spielt eigentlich nur immer wieder dieselben Stellen, ohne wirklich weiterzukommen. Und manchmal braucht ein Kind nach einem langen Schultag auch einfach eine Pause. Ich möchte deshalb nicht, dass Üben zu einer täglichen Pflichtveranstaltung wird, bei der nur noch die Uhr entscheidet, ob genug geleistet wurde. Viel wichtiger ist doch die Frage:

Was hat das Kind heute beim Üben herausgefunden?


2. „Wer musikalisch ist, hat einfach Talent.“

Ja, musikalische Begabung gibt es.

Manche Kinder haben von Anfang an ein besonders gutes Gehör, ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl oder lernen bestimmte Bewegungsabläufe sehr schnell. Aber daraus folgt nicht, dass alle anderen weniger musikalisch sind. Musikalische Fähigkeiten entwickeln sich. Kinder sammeln Erfahrungen, hören Musik, machen Bewegungen, probieren aus, wiederholen und lernen, aufeinander zu hören. Und vor allem entwickeln sie sich unterschiedlich schnell. Eine Lernkurve verläuft nicht gerade nach oben. Es gibt Fortschritte, Stillstand, Rückschritte und plötzlich wieder einen großen Sprung.

Talent kann ein Vorteil sein. Aber Talent allein macht noch keinen Musiker.


3. „Wenn mein Kind viele Fehler macht, hat es nicht genug geübt.“

Ein Fehler ist zunächst einmal genau das: ein Fehler. Nicht mehr und nicht weniger. Beim Lernen ist er sogar ausgesprochen nützlich. Denn ein Fehler gibt uns eine Information darüber, was noch nicht funktioniert.

Vielleicht ist eine Stelle technisch zu schwierig. Vielleicht wurde ein Rhythmus noch nicht verstanden. Vielleicht wurde eine Note übersehen. Vielleicht war die Konzentration gerade woanders. Wenn wir jeden Fehler sofort als mangelnde Leistung betrachten, lernen Kinder schnell: Fehler sind etwas, das ich vermeiden muss. Ich möchte lieber, dass sie lernen: Fehler zeigen mir, woran ich weiterarbeiten kann. Das verändert den gesamten Umgang mit Lernen.


4. „Ein gutes Vorspiel muss fehlerfrei sein.“

Das ist eine Vorstellung, die ich besonders gerne hinterfragen möchte. Denn was soll ein Vorspiel eigentlich sein? Eine Prüfung? Ein Beweis dafür, dass das Kind genug geübt hat? Eine Demonstration musikalischer Perfektion? Ich sehe es anders. Ein Vorspiel kann eine Gelegenheit sein, Musik mit anderen zu teilen. Natürlich darf man aufgeregt sein. Natürlich darf man sich wünschen, ein Stück schön zu spielen. Und natürlich darf man sich über einen gelungenen Auftritt freuen. Aber ein Verspieler macht aus einem guten Vorspiel noch lange kein schlechtes. Ein Kind, das nach einem Fehler weiterspielt, hat vielleicht sogar etwas sehr Wichtiges gelernt:

Ich muss nicht perfekt sein, um weitermachen zu können.


5. „Guter Unterricht muss anstrengend sein.“

Auch dieser Gedanke begegnet mir häufig. Als wäre Unterricht dann besonders wertvoll, wenn ein Kind möglichst konzentriert, ernst und angestrengt vor seinem Instrument sitzt. Natürlich ist Lernen manchmal anstrengend. Eine schwierige Stelle zu erarbeiten, eine neue Technik zu lernen oder sich ein ganzes Stück zu erarbeiten, kann durchaus Kraft kosten. Aber: Anstrengung und Freude schließen sich nicht aus. Ein Kind kann hochkonzentriert arbeiten und dabei lachen. Es kann eine schwierige Aufgabe lösen und Spaß daran haben. Es kann ein Lieblingslied spielen und dabei unglaublich viel lernen. Spaß ist kein Zeichen dafür, dass gerade nicht ernsthaft gearbeitet wird.


6. „Erst muss mein Kind Noten lernen, dann darf es richtig Musik machen.“

Noten sind wunderbar. Sie geben uns die Möglichkeit, Musik aufzuschreiben, weiterzugeben und immer wieder neu zu entdecken. Aber Musik beginnt nicht auf dem Papier. Ein Kind kann Musik hören, bevor es Noten lesen kann. Es kann Melodien nachspielen. Es kann singen. Es kann Rhythmen klatschen. Es kann improvisieren. Es kann herausfinden, welche Töne zusammenpassen. All das ist bereits musikalisches Lernen. Deshalb möchte ich Notenlesen nicht gegen praktisches Musizieren ausspielen. Beides gehört zusammen. Aber das eine muss nicht zwangsläufig vollständig abgeschlossen sein, bevor das andere beginnen darf.


7. „Mein Kind muss klassische Stücke spielen, um richtig Klavier zu lernen.“

Natürlich kann klassische Klavierliteratur unglaublich viel vermitteln: musikalische Gestaltung, Technik, Artikulation, Dynamik, Phrasierung und vieles mehr. Aber sie ist nicht die einzige Musik, durch die ein Kind lernen kann. Wenn ein Kind lieber einen Popsong, eine Filmmusik oder ein aktuelles Lieblingslied spielt, sehe ich darin keine minderwertige Alternative. Im Gegenteil. Wenn ein Kind ein Stück wirklich spielen möchte, entsteht etwas sehr Wertvolles: ein eigener Antrieb. Und manchmal ist genau dieser Wunsch der Grund, warum ein Kind überhaupt bereit ist, eine schwierige Stelle immer wieder zu üben.

Das beste Stück für ein Kind ist nicht immer das pädagogisch „wertvollste“ Stück auf dem Papier. Manchmal ist es das Stück, das es unbedingt spielen möchte.


8. „Wenn mein Kind keine Lust zum Üben hat, fehlt ihm die Disziplin.“

Manchmal fehlt tatsächlich die Übungsroutine. Aber bevor wir einem Kind mangelnde Disziplin zuschreiben, lohnt sich eine andere Frage: Warum hat es gerade keine Lust? Ist das Stück zu schwierig? Ist die Aufgabe zu langweilig? Ist das Kind müde? Hat es das Gefühl, sowieso nicht gut genug zu sein? Oder hat es vielleicht einfach kein eigenes Ziel mit dem, was es gerade üben soll? Motivation ist nicht etwas, das Kinder entweder besitzen oder nicht besitzen. Sie kann wachsen. Und sie verändert sich. Deshalb möchte ich nicht nur fragen: „Wie bekomme ich das Kind dazu, zu üben?“ Sondern auch: „Wie können wir dafür sorgen, dass es etwas gibt, das es wirklich lernen möchte?“


9. „Wer Klavier lernt, muss irgendwann auf die Bühne.“

Nein. Nicht jedes Kind möchte vorspielen. Nicht jedes Kind möchte Konzerte geben. Und nicht jedes Kind möchte irgendwann vor einem großen Publikum sitzen und zeigen, was es kann. Manche Kinder lieben die Bühne. Andere spielen am liebsten für sich selbst, für ihre Familie oder für einen einzigen Menschen. Beides ist völlig in Ordnung. Musik muss nicht öffentlich werden, um wertvoll zu sein. Vielleicht ist das Klavier für ein Kind irgendwann ein Ort, an den es sich zurückzieht, wenn es einen schlechten Tag hatte. Vielleicht spielt es einen Song, weil dieser Song gerade genau zu seiner Stimmung passt. Vielleicht improvisiert es einfach zehn Minuten vor sich hin. Auch das ist Musizieren.


10. „Am Ende muss etwas dabei herauskommen.“

Vielleicht ist das der größte Irrtum von allen. Wir denken beim Lernen häufig in Ergebnissen. Welches Stück kann das Kind spielen? Wie schnell kann es Noten lesen? Wie gut ist seine Technik? Wie war das Vorspiel? Welches Niveau hat es erreicht? Natürlich sind solche Fragen nicht unwichtig. Aber vielleicht erzählen sie nur einen kleinen Teil der Geschichte. Denn was passiert eigentlich auf dem Weg dorthin? Ein Kind lernt, dranzubleiben. Es erlebt, dass etwas heute noch nicht funktioniert und nächste Woche plötzlich klappt. Es lernt, mit Frustration umzugehen. Es entwickelt Selbstvertrauen. Es lernt zuzuhören. Es trifft eigene Entscheidungen. Es entdeckt Kreativität. Es erfährt, dass Fehler nicht das Ende sind. Und vielleicht lernt es irgendwann sogar etwas ganz Entscheidendes:

„Ich kann etwas lernen, auch wenn ich es am Anfang noch nicht kann.“


Was bleibt am Ende?

Wenn ich mir die vergangenen neun Beiträge dieser Reihe anschaue, zieht sich ein Gedanke durch eigentlich alle Themen: Ich möchte Musikunterricht nicht als kleinen Leistungswettbewerb verstehen.

Ich möchte Musikunterricht nicht als kleinen Leistungswettbewerb verstehen.Ich möchte Kindern nicht vermitteln, dass sie gut genug sein müssen.

Ich möchte ihnen auch nicht erzählen, dass Üben unwichtig ist, dass alles leicht sein muss oder dass jede Anstrengung vermieden werden sollte.

Ganz im Gegenteil. Ich möchte, dass Kinder erfahren, dass sich Anstrengung lohnen kann. Dass sie schwierige Dinge schaffen können. Dass sie Fehler machen dürfen. Dass sie nicht sofort perfekt sein müssen. Dass ihre eigenen Interessen wichtig sind. Dass Musik Freude machen darf. Und dass ihr Wert nicht davon abhängt, wie gut sie ein Stück spielen. Vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen Leistung und Entwicklung.

Leistung fragt: „Was kannst du jetzt zeigen?“

Entwicklung fragt: „Was kannst du heute, was du gestern noch nicht konntest?“

Ich glaube, für Kinder ist die zweite Frage oft viel wertvoller.

Und vielleicht ist genau das guter Musikunterricht

Am Ende muss aus einem Kind kein Pianist und keine Pianistin werden, die auf großen Bühnen spielt. Vielleicht wird es auch kein musikalisches Wunderkind. Vielleicht wird es einfach ein Mensch, der sein Instrument irgendwann aus dem Schrank holt und denkt: „Ich habe Lust, ein bisschen zu spielen.“

Und vielleicht ist das gar kein kleines Ergebnis. Vielleicht hat dieses Kind dann etwas fürs Leben mitgenommen:

Die Erfahrung, dass Lernen Zeit braucht. Dass Fehler dazugehören. Dass man sich entwickeln kann. Dass man Herausforderungen überwinden kann. Dass man nicht perfekt sein muss. Und dass Musik ein Teil des eigenen Lebens sein darf.

Genau deshalb unterrichte ich so gerne. Nicht nur, damit Kinder Klavier spielen lernen. Sondern damit sie entdecken, was alles möglich wird, wenn sie sich selbst etwas zutrauen.


Das Ende der Reihe?

Vielleicht nicht. – Denn über Musikunterricht gibt es noch sehr viel zu erzählen.

Aber nach zehn Beiträgen ist für mich eines ganz klar:

Musikunterricht darf Leistung fördern, ohne Leistungsdruck zu erzeugen.
Er darf anspruchsvoll sein, ohne die Freude zu verlieren.
Und er darf Kindern zeigen, dass Lernen viel mehr ist als das Erreichen eines perfekten Ergebnisses.

Denn Musik ist kein Test.
Musik ist etwas, das wir tun, erleben, teilen und ein Leben lang mitnehmen können.

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Autor: Melanie Westphal

Ich bin Melanie und leite eine Musikschule in Hamburg. Mein Schwerpunkt liegt im Klavierunterricht für AnfängerInnen und ich unterrichte fast ausschließlich Popularmusik.

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