Warum Vorspiele keine Prüfungen sein sollten

„Ich kann das nicht vorspielen.“

oder: „Ich traue mich nicht!“

Diese Sätze höre ich immer wieder von Kindern, wenn ein Vorspiel näher rückt. Und meistens bedeutet er gar nicht: Ich kann das Stück nicht. Oft können die Kinder es längst ziemlich gut. Sie haben es wochenlang gespielt, schwierige Stellen geübt und Fortschritte gemacht.

Was ihnen Angst macht, ist etwas anderes: Was passiert, wenn ich vor anderen einen Fehler mache? Genau an diesem Punkt lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, was wir eigentlich mit einem Vorspiel verbinden – und warum.

Wenn aus Musik plötzlich Leistung wird

Der Gedanke, dass ein Kind beim Vorspiel zeigen muss, was es „kann“, ist tief in unserem Verständnis von Musikunterricht verankert. Das Vorspiel wird zur Präsentation einer Leistung: Das Stück wird vorbereitet, am Ende wird es vor Publikum gespielt und möglichst fehlerfrei abgeliefert. Und eigentlich klingt das erst einmal logisch.

Aber dahinter steckt ein Leistungsverständnis, das aus meiner Sicht zunehmend veraltet ist: Man übt, um etwas zu können. Und wenn man es kann, muss man es unter Beweis stellen.Dieses Denken kennen wir nicht nur aus dem Musikunterricht. Kinder lernen früh, dass Leistungen bewertet werden. Es gibt gute und schlechte Noten, Gewinner und Verlierer, „richtig“ und „falsch“. Und irgendwann kann daraus die Vorstellung entstehen: Ich bin gut, wenn ich etwas gut kann. Beim Instrument kann das besonders problematisch werden. Denn Musik ist keine sportliche Höchstleistung, die man am Ende möglichst fehlerfrei abliefern muss. Musik ist Ausdruck, Kommunikation, Gestaltung – und vor allem etwas, das man tut.

Wenn ein Kind beim Vorspiel einen Fehler macht, hat es deshalb nicht plötzlich weniger gelernt. Es hat auch nicht „versagt“. Es hat einfach einen Fehler gemacht.

Ein Vorspiel sollte kein Beweis sein

Ich finde deshalb den Gedanken wichtig, ein Vorspiel nicht als Prüfung zu verstehen. Ein Kind muss dort nicht beweisen, dass es fleißig genug war. Es muss nicht zeigen, dass sich der Unterricht „gelohnt“ hat. Und es muss schon gar nicht beweisen, dass es musikalisch genug ist. Ein Vorspiel kann etwas ganz anderes sein: Ich habe ein Stück gelernt und möchte es euch vorspielen. Das klingt nach einer kleinen Veränderung. Pädagogisch ist es aber ein großer Unterschied. Denn plötzlich steht nicht mehr die Frage im Mittelpunkt:
„Wie gut werde ich sein?“ Sondern: „Was möchte ich mit euch teilen?“ Damit verändert sich auch der Blick auf Fehler.

Was passiert, wenn ein Fehler erlaubt ist?

Natürlich sind viele Kinder vor einem Vorspiel aufgeregt. Das ist völlig normal. Lampenfieber gehört dazu und kann sogar zeigen, dass einem etwas wichtig ist. Schwierig wird es erst, wenn mit der Aufregung die Angst vor dem Scheitern verbunden ist.

Was denken die anderen, wenn ich mich verspiele?
Was denkt meine Lehrerin?
Was denken meine Eltern?
Was, wenn ich plötzlich nicht mehr weiß, wie es weitergeht?

Dann wird aus dem Musizieren eine Prüfungssituation. Deshalb übe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern nicht nur das Stück, sondern auch den Umgang mit Fehlern. Was kannst du machen, wenn du dich verspielt hast? Kannst du weiterspielen? Findest du wieder zurück? Kannst du dich auf den nächsten Takt konzentrieren? Denn genau das ist beim Musizieren viel wichtiger als ein Stück völlig fehlerfrei herunterzuspielen. Ein guter Musiker ist nicht unbedingt derjenige, der niemals einen Fehler macht. Sondern derjenige, der mit einem Fehler umgehen kann.

Perfektion ist kein gutes Ziel

Gerade beim Klavierunterricht kann der Wunsch nach Perfektion schnell dazu führen, dass Kinder immer vorsichtiger werden. Sie spielen eine schwierige Stelle lieber langsamer, als sie eigentlich könnten. Sie probieren nichts Neues aus. Sie improvisieren nicht mehr. Sie trauen sich weniger zu, weil jeder Fehler als Bestätigung verstanden wird: Ich kann es noch nicht gut genug. Dabei gehören Fehler ganz selbstverständlich zum Lernen. Wenn ein Kind an einer Stelle immer wieder hängen bleibt, interessiert mich deshalb nicht nur, dass es falsch gespielt hat. Mich interessiert vielmehr: Was ist passiert? War die Stelle zu schwierig? War die Bewegung ungewohnt? Hat das Kind einen bestimmten Ton übersehen? War es vielleicht einfach gerade unkonzentriert? Ein Fehler ist eine Information. Und wenn wir ihn so betrachten, verliert er einen großen Teil seiner Bedrohlichkeit.

Was wollen wir unseren Kindern eigentlich mitgeben?

Ich glaube, dass wir unseren Kindern heute mehr mitgeben können als die Fähigkeit, eine musikalische Leistung möglichst fehlerfrei zu präsentieren. Wir können ihnen zeigen:

Du darfst etwas ausprobieren, ohne sofort perfekt darin zu sein. Du darfst aufgeregt sein. Du darfst einen Fehler machen und trotzdem weitermachen. Deine Leistung entscheidet nicht darüber, wie viel du wert bist.

Und vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die Musikunterricht vermitteln kann. Denn ein Kind, das gelernt hat, nach einem Verspieler einfach weiterzuspielen, hat nicht nur etwas über Klavier gelernt. Es hat eine kleine Strategie fürs Leben gelernt: Es läuft nicht immer alles nach Plan. Und trotzdem kann ich weitermachen.

Auch Eltern können den Unterschied machen

Dabei kommt es nicht nur auf die Lehrkraft an. Auch die Worte der Eltern vor und nach einem Vorspiel können viel verändern.

„Hast du auch wirklich genug geübt?“
„Du darfst dich nicht verspielen!“
„Hoffentlich klappt alles!“
„Du musst jetzt zeigen, was du kannst.“

Solche Sätze sind meistens gut gemeint. Aber für ein Kind können sie den Eindruck verstärken, dass jetzt eine Leistung erwartet wird. Vielleicht können wir stattdessen sagen:

„Ich freue mich darauf, dich spielen zu hören.“ Oder: „Du musst niemandem etwas beweisen.“

Und nach dem Vorspiel muss es vielleicht auch gar nicht heißen:
„Das war aber gut!“ Manchmal reicht:

„Schön, dass du gespielt hast.“

Denn das eigentliche Ziel sollte nicht sein, dass ein Kind nach einem Vorspiel denkt: Ich war gut genug. Sondern: „Ich habe mich getraut. Ich habe Musik gemacht. Und ich hatte vielleicht sogar Spaß dabei.“

Musik muss nicht perfekt sein

Ich glaube, wir dürfen unseren Blick auf musikalische Leistung ein Stück weit verändern. Natürlich darf ein Kind ehrgeizig sein. Natürlich darf es ein Stück richtig gut spielen wollen. Natürlich darf es sich über einen gelungenen Auftritt freuen. Leistung ist nichts Schlechtes. Aber Leistung sollte nicht der Mittelpunkt sein, um den sich alles dreht. Musikunterricht kann auch ein Ort sein, an dem Kinder lernen, dass Entwicklung wichtiger ist als Perfektion. Dass man etwas noch nicht können darf. Dass Üben nicht bedeutet, immer wieder dieselbe Leistung abzuliefern, sondern Neues auszuprobieren und sich weiterzuentwickeln. Und deshalb wünsche ich mir Vorspiele, bei denen nicht die Frage im Raum steht: „Wie gut bist du?“ Sondern: „Was möchtest du uns heute musikalisch erzählen?“

Denn ein Vorspiel ist für mich keine Prüfung. Es ist eine Einladung, Musik miteinander zu teilen. Und Musik muss nicht perfekt sein, um berühren zu können.

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Autor: Melanie Westphal

Ich bin Melanie und leite eine Musikschule in Hamburg. Mein Schwerpunkt liegt im Klavierunterricht für AnfängerInnen und ich unterrichte fast ausschließlich Popularmusik.

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