Warum „Du bist so talentiert!“ nicht immer hilfreich ist
„Du bist so talentiert!“
Eigentlich ist das ein wunderschönes Kompliment. Ein Kind spielt ein Stück besonders schön und wir möchten ihm zeigen, wie stolz wir sind. Also sagen wir:
„Du hast richtig Talent!“
Oder:
„Du bist einfach musikalisch.“
Was könnte daran falsch sein?Eine ganze Menge – zumindest dann, wenn ein Kind diese Aussage mit der Zeit als Erklärung dafür versteht, warum es etwas kann.Denn dann kann aus einem schönen Kompliment ungewollt eine ziemlich große Erwartung werden.
Was passiert, wenn wir Kinder für ihr Talent loben?
Die Psychologin Carol Dweck und ihre Kollegin Claudia Mueller haben sich genau mit dieser Frage beschäftigt.In einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 1998 untersuchten sie, wie sich unterschiedliche Arten von Lob auf Kinder auswirken. Die Kinder wurden entweder für ihre Intelligenz bzw. Fähigkeit oder für ihre Anstrengung gelobt.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden, entwickelten nach einem Misserfolg eher ein Denken, bei dem Fähigkeiten als etwas Feststehendes erschienen. Sie zeigten außerdem weniger Ausdauer und Freude an der Aufgabe als Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt worden waren. (PubMed)
Das bedeutet nicht, dass der Satz „Du bist talentiert“ automatisch schädlich ist.
Aber er kann eine Botschaft transportieren: Du kannst das, weil du talentiert bist.
Und irgendwann kann daraus werden: Wenn ich es nicht mehr kann, bin ich vielleicht doch nicht talentiert.
Gerade beim Musizieren kann das problematisch werden.
Was passiert beim ersten schwierigen Stück?
Stell dir ein Kind vor, das bisher immer wieder gehört hat:
„Du bist so talentiert!“
Das Kind spielt zunächst einfache Stücke und kommt damit gut zurecht. Dann kommt ein anspruchsvolleres Stück. Plötzlich klappt eine Stelle nicht. Die linke Hand macht nicht das, was sie soll. Der Rhythmus funktioniert nicht. Die Koordination ist schwierig. Das Kind übt – und es wird trotzdem nicht sofort besser. Was denkt es nun?
Vielleicht: „Das kann ich nicht.“
Oder sogar: „Vielleicht bin ich doch nicht musikalisch.“
Wenn die eigene Fähigkeit zur Erklärung für den bisherigen Erfolg geworden ist, kann ein Misserfolg schnell am eigenen Selbstbild rütteln.
Deshalb ist mir Prozesslob so wichtig
Statt nur das Ergebnis zu loben, können wir den Lernprozess sichtbar machen.
Zum Beispiel:
Nicht:
„Du bist so talentiert.“
Sondern:
„Du hast diese schwierige Stelle richtig konzentriert geübt.“
Nicht:
„Das kannst du einfach toll.“
Sondern:
„Du hast herausgefunden, wie du diesen Rhythmus leichter spielen kannst.“
Nicht:
„Du bist ein Naturtalent.“
Sondern:
„Ich kann hören, dass du an dieser Stelle richtig drangeblieben bist.“
Der Unterschied mag zunächst klein erscheinen. Die Botschaft dahinter ist aber eine andere: Du kannst etwas bewirken. Du kannst lernen. Du kannst Strategien entwickeln.
Lob sollte nicht zur Bewertung werden
Dabei möchte ich eine Sache ausdrücklich betonen: Ich bin nicht gegen Lob.
Im Gegenteil. Kinder brauchen Anerkennung. Und natürlich dürfen wir uns mit ihnen freuen.
„Das war schön!“
„Ich habe gesehen, wie sehr du dich angestrengt hast.“
„Du kannst richtig stolz auf dich sein.“
Das alles darf und soll seinen Platz haben. Die Forschung zeigt insgesamt auch, dass Lob unter bestimmten Bedingungen positiv mit Motivation, Ausdauer und Selbstbewertung zusammenhängt. Entscheidend ist unter anderem, ob Lob Kompetenz vermittelt, Autonomie unterstützt und sich auf kontrollierbare Aspekte bezieht. (PubMed)
Es geht also nicht darum, jedes Kompliment auf die Goldwaage zu legen. Es geht darum, welches Selbstbild wir mit unserem Lob unterstützen.
Und was ist mit „Du hast dich so angestrengt“?
Auch hier lohnt sich ein genauerer Blick. „Du hast dich angestrengt“ kann wunderbar sein. Aber Anstrengung allein ist nicht immer das Entscheidende. Ein Kind kann sich eine Stunde lang mit einer schwierigen Stelle beschäftigen und dabei immer wieder denselben Fehler machen.
Dann wäre vielleicht hilfreicher:
„Du hast gemerkt, dass es so nicht funktioniert. Was könnten wir anders ausprobieren?“
Oder:
„Lass uns schauen, ob wir die Stelle in kleinere Schritte zerlegen können.“
Denn gutes Feedback sagt nicht nur: „Du hast dich angestrengt.“
Es hilft dabei, herauszufinden: „Was hat funktioniert – und was kann ich als Nächstes ausprobieren?“
Was ich meinen Schülerinnen und Schülern vermitteln möchte
Ich möchte nicht, dass ein Kind nach einer gelungenen Unterrichtsstunde denkt: „Ich bin gut, weil ich Talent habe.“
Ich wünsche mir eher: „Ich habe etwas gelernt.“
Und wenn etwas nicht funktioniert: „Noch nicht. Aber ich kann herausfinden, wie es geht.“
Das ist für mich ein großer Unterschied. Denn Klavierspielen besteht aus unglaublich vielen Momenten, in denen etwas zunächst nicht funktioniert. Ein neuer Rhythmus. Eine schwierige Koordination. Ein ungewohnter Fingersatz. Ein schneller Lauf. Eine Stelle, die einfach nicht so klingen möchte, wie man sie im Kopf hört. Wenn wir jedes Mal an unserem Talent zweifeln würden, wäre das ziemlich anstrengend. Wenn wir stattdessen sagen können:
„Okay. Das kann ich noch nicht. Dann finde ich heraus, wie ich es lernen kann.“
wird aus einer Schwierigkeit eine Aufgabe.
Auch Erwachsene brauchen dieses Vertrauen
Und das gilt übrigens nicht nur für Kinder. Erwachsene, die mit dem Klavierspielen beginnen, sagen mir häufig:
„Ich bin überhaupt nicht musikalisch.“
Oder:
„Ich habe wahrscheinlich einfach kein Talent.“
Dabei haben sie oft lediglich noch keine Gelegenheit gehabt, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Klavierspielen ist kein Talenttest. Es ist ein Lernprozess. Und genau deshalb finde ich es so schön, wenn jemand nach einigen Monaten plötzlich feststellt:
„Das hätte ich am Anfang niemals gedacht, dass ich das einmal spielen kann.“
Das ist für mich ein viel schöneres Ergebnis als die Feststellung:
„Ich wusste ja schon immer, dass ich Talent habe.“
Was können Eltern sagen?
Vielleicht hilft eine kleine Veränderung im Alltag. Wenn Ihr Kind etwas gut gemacht hat, versuchen Sie einmal, nicht nur das Ergebnis zu kommentieren. Fragen Sie stattdessen:
„Was ist dir diesmal leichter gefallen?“
„Was hast du verändert?“
„Worauf bist du besonders stolz?“
„Was hat dir beim Üben geholfen?“
Damit lenken wir die Aufmerksamkeit weg von der Bewertung und hin zum eigenen Lernprozess. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir Kindern mitgeben können: Nicht immer sofort gut sein zu müssen. Sondern zu wissen, wie man besser werden kann.
Mein Fazit
Ich werde auch weiterhin meinen Schülerinnen und Schülern sagen, wenn etwas schön klingt. Ich werde mich mit ihnen über Fortschritte freuen. Ich werde sie loben. Aber ich möchte ihnen nicht das Gefühl geben, dass ihr Wert oder ihre musikalischen Fähigkeiten davon abhängen, immer gut zu sein. Denn irgendwann wird jedes Kind an einen Punkt kommen, an dem etwas schwierig wird. Dann wünsche ich mir, dass es nicht denkt:
„Ich bin wohl nicht talentiert genug.“
Sondern:
„Das ist schwierig. Aber ich kann es lernen.“
Und genau darin liegt für mich eine der schönsten Seiten des Musikunterrichts.
Wissenschaftliche Quellen
Mueller, C. M. & Dweck, C. S. (1998). Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance. Journal of Personality and Social Psychology, 75(1), 33–52. Die Studie untersuchte sechs Experimente und fand unter anderem, dass Personenlob auf Intelligenz nach Misserfolg mit geringerer Ausdauer und Freude verbunden war als Lob für Anstrengung. (PubMed)
Henderlong, J. & Lepper, M. R. (2002). The Effects of Praise on Children’s Intrinsic Motivation: A Review and Synthesis. Psychological Bulletin, 128(5), 774–795. Die Übersichtsarbeit zeigt, dass die Wirkung von Lob stark davon abhängt, wie es formuliert wird und welche Botschaft es übermittelt. (PubMed)
Gunderson, E. A. et al. (2013). Parent Praise to 1- to 3-Year-Olds Predicts Children’s Motivational Frameworks 5 Years Later. Child Development. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen frühem elterlichem Lob für Anstrengung und späteren Vorstellungen von Fähigkeiten als veränderbar. (PubMed)
