Muss mein Kind wirklich jeden Tag üben?

Diese Frage höre ich im Unterricht immer wieder:

„Muss mein Kind wirklich jeden Tag üben?“

Meine Antwort überrascht viele Eltern.

Nein – zumindest nicht um jeden Preis.

Natürlich lernt niemand Klavier, ohne zu üben. Üben gehört dazu wie das Lesen zum Schreibenlernen. Doch die eigentliche Frage lautet nicht:

„Wie oft wird geübt?“

Sondern:

„Wie wird geübt?“

Viel hilft nicht immer viel

Viele Eltern glauben, möglichst lange Übezeiten würden automatisch zu besseren Fortschritten führen.

Doch so einfach ist es nicht.

Die Lernpsychologie zeigt, dass unser Gehirn neue Fähigkeiten am besten verarbeitet, wenn regelmäßig geübt wird – allerdings in Einheiten, die konzentriert und bewusst stattfinden. Gerade bei Anfängerinnen und Anfängern lässt die Aufmerksamkeit nach einer gewissen Zeit deutlich nach.

Nach zwanzig Minuten konzentrierten Übens kann deshalb mehr gelernt worden sein als nach einer Stunde lustlosen Wiederholens.

Lieber regelmäßig als stundenlang

Ein Kind, das fünfmal in der Woche zehn bis fünfzehn Minuten mit Freude übt, macht häufig größere Fortschritte als ein Kind, das sich einmal pro Woche eine Stunde widerwillig ans Klavier setzt.

Der Grund ist einfach:

Unser Gehirn braucht Wiederholungen.

Nicht möglichst viele Minuten am Stück.

Regelmäßige kleine Lerneinheiten helfen dabei, Bewegungsabläufe zu automatisieren und neue Inhalte dauerhaft im Gedächtnis zu verankern.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Psychologie unterscheidet zwischen Quantität und Qualität des Übens.

Forschungen zeigen, dass erfolgreiches Üben vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass Lernende aufmerksam arbeiten, sich kleine Ziele setzen, Fehler bewusst wahrnehmen und Lösungen ausprobieren.

Nicht die Uhr entscheidet über den Lernerfolg, sondern die Konzentration.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt:

Menschen lernen nachhaltiger, wenn sie sich aus eigener Motivation mit einer Aufgabe beschäftigen. Wer ausschließlich übt, weil Druck aufgebaut wird oder Angst vor Kritik besteht, verliert häufig langfristig die Freude am Musizieren.

Wie lange sollte ein Anfänger üben?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht.

Jedes Kind ist anders.

Als grobe Orientierung haben sich folgende Zeiten bewährt:

  • Vorschulkinder: 5–10 Minuten
  • Grundschulkinder: 10–20 Minuten
  • Jugendliche: 20–30 Minuten

Wichtiger als jede Minutenzahl ist jedoch, dass das Üben mit voller Aufmerksamkeit geschieht.

Manchmal reichen zehn Minuten völlig aus.

An anderen Tagen entstehen aus zehn Minuten ganz von selbst dreißig.

Auch das ist in Ordnung.

Was können Eltern tun?

Viele Eltern möchten ihr Kind bestmöglich unterstützen.

Das ist wunderbar.

Manchmal bedeutet Unterstützung aber nicht, ständig ans Üben zu erinnern.

Viel hilfreicher ist es,

  • Interesse zu zeigen,
  • sich ein neues Stück vorspielen zu lassen,
  • kleine Fortschritte wahrzunehmen,
  • und gemeinsam Freude über das Gelernte zu haben.

Kinder spüren sehr genau, ob das Klavier nur eine weitere Pflicht ist – oder etwas, worauf ihre Eltern ehrlich neugierig sind.

Es gibt Tage, an denen Üben einfach nicht klappt

Nach einem langen Schultag, einer Klassenarbeit oder wenn ein Kind traurig oder erschöpft ist, darf das Klavier auch einmal geschlossen bleiben.

Ein freier Tag macht aus niemandem eine schlechtere Pianistin oder einen schlechteren Pianisten.

Im Gegenteil:

Pausen gehören zum Lernen dazu.

Unser Gehirn verarbeitet viele Inhalte sogar während der Erholung weiter.

Mein Unterricht

Natürlich wünsche ich mir, dass meine Schülerinnen und Schüler regelmäßig üben.

Dennoch würde ich niemals Strichlisten oder Hausaufgabenhefte führen.

Ich wünsche meinen Schülerinnen und Schüler, dass sie ihre eigenen Fortschritte erleben.

Dabei geht es mir nicht um Perfektion.

Es geht darum, dass Musik ein fester Bestandteil des Alltags werden darf – ohne Druck, ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst vor Fehlern.

Denn wer mit Freude ans Klavier geht, wird meist länger dabeibleiben.

Und genau das ist mein Ziel.


Weiterführende Literatur

  • Ericsson, K. Anders; Krampe, Ralf T.; Tesch-Römer, Clemens (1993): The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406.
  • McPherson, Gary E. & Renwick, James M. (2001): A Longitudinal Study of Self-Regulation in Children’s Musical Practice. Music Education Research.
  • Ryan, Richard M. & Deci, Edward L. (2020): Intrinsic and Extrinsic Motivation from a Self-Determination Theory Perspective. Contemporary Educational Psychology.