Warum Fehler die besten Lehrer sind

„Oh nein, das war falsch!“

Diesen Satz höre ich im Klavierunterricht immer wieder. Oft sagen ihn meine Schülerinnen und Schüler schon, bevor ich überhaupt reagieren kann.

Ein falscher Ton – und schon ist die Enttäuschung groß.

Manche beginnen das Stück sofort von vorne. Andere entschuldigen sich. Wieder andere trauen sich gar nicht erst, schwierige Stellen auszuprobieren.

Dabei ist genau das der Moment, in dem Lernen beginnt.

Fehler sind kein Zeichen von Schwäche

Wenn wir etwas Neues lernen, machen wir Fehler. Das war schon so, als wir laufen gelernt haben. Wir sind hingefallen, wieder aufgestanden und haben es erneut versucht.

Niemand würde von einem Kleinkind erwarten, beim ersten Versuch perfekt laufen zu können.

Warum erwarten wir dann von einem Kind, dass es ein neues Musikstück sofort fehlerfrei spielt?

Fehler sind kein Beweis dafür, dass jemand unmusikalisch ist. Sie zeigen lediglich, dass gerade etwas Neues entsteht.

Unser Gehirn lernt aus Fehlern

Die Lernpsychologie zeigt, dass unser Gehirn besonders aufmerksam wird, wenn etwas nicht so funktioniert wie erwartet.

Ein falscher Ton oder ein verpatzter Rhythmus sind deshalb keine Katastrophe. Sie liefern unserem Gehirn wichtige Informationen:

„Hier darf ich noch etwas lernen.“

Jeder Fehler hilft dabei, neue Verbindungen im Gehirn aufzubauen und das Gelernte zu festigen. Deshalb gehören Fehler zu jedem erfolgreichen Lernprozess dazu.

Perfektion ist kein guter Lehrer

Viele Menschen glauben, sie müssten erst perfekt sein, bevor sie stolz auf sich sein dürfen.

Ich sehe das anders.

Perfektion ist kein Ausgangspunkt. Sie ist – wenn überhaupt – das Ergebnis vieler kleiner Lernschritte.

Wer Angst vor Fehlern hat, spielt oft verkrampft. Wer sich Fehler erlauben darf, spielt freier, mutiger und mit mehr Freude.

Gerade Musik lebt davon, dass wir uns etwas trauen.

Wie Lob Kinder stärkt

Die Psychologin Carol Dweck hat sich viele Jahre mit der Frage beschäftigt, warum manche Kinder Herausforderungen mutig annehmen, während andere schnell aufgeben.

Ihre Forschung zeigt:

Kinder profitieren besonders davon, wenn nicht nur das Ergebnis gelobt wird, sondern der Weg dorthin.

Statt zu sagen:

„Du bist so talentiert.“

ist es oft hilfreicher zu sagen:

„Du hast heute richtig konzentriert gearbeitet.“

Oder:

„Ich sehe, wie viel sicherer diese Stelle schon geworden ist.“

So lernen Kinder, dass Fortschritte nicht vom Talent abhängen, sondern von Übung, Geduld und Ausdauer.

Was Eltern tun können

Wenn Ihr Kind beim Üben einen Fehler macht, müssen Sie ihn nicht sofort korrigieren. Oft hilft eine einfache Frage:

„Was ist dir gerade aufgefallen?“

Dadurch lernt Ihr Kind, selbst zuzuhören und Lösungen zu finden. Das stärkt nicht nur das musikalische Gehör, sondern auch das Selbstvertrauen.

Auch Erwachsene dürfen Fehler machen

Viele Erwachsene sagen in ihrer ersten Klavierstunde:

„Ich bin bestimmt zu alt.“

Oder:

„Ich habe überhaupt kein Talent.“

Doch meist sind es nicht die Finger, die im Weg stehen. Es ist die Angst, Fehler zu machen. Dabei ist Klavierunterricht keine Prüfung. Niemand erwartet Perfektion.

Jeder Fehler bringt uns einen kleinen Schritt weiter.

Mein Verständnis von Unterricht

Natürlich korrigiere ich Fehler. Aber nicht, um zu zeigen, was falsch war. Sondern um gemeinsam herauszufinden, wie es leichter gelingt.

Ich wünsche mir Schülerinnen und Schüler, die neugierig bleiben.

Die sich trauen, Neues auszuprobieren. Die über kleine Missgeschicke auch einmal lachen können.

Und die erleben: Ein Fehler bedeutet nicht, dass ich gescheitert bin. Er bedeutet, dass ich gerade lerne. Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die Kinder im Klavierunterricht machen können.

Nicht nur für die Musik. Sondern für das ganze Leben.


Weiterführende Literatur

  • Carol S. Dweck (2006): Mindset – The New Psychology of Success.
  • Dweck, C. S. (2017): Mindset: Changing the Way You Think to Fulfil Your Potential.
  • Moser, J. S. et al. (2011): Mind Your Errors: Evidence for a Neural Mechanism Linking Growth Mindset to Adaptive Posterror Adjustments. Psychological Science.
  • Hattie, J. (2023): Visible Learning: The Sequel.
Avatar von Unbekannt

Autor: Melanie Westphal

Ich bin Melanie und leite eine Musikschule in Hamburg. Mein Schwerpunkt liegt im Klavierunterricht für AnfängerInnen und ich unterrichte fast ausschließlich Popularmusik.

Hinterlasse einen Kommentar